{"id":44125,"date":"2024-02-09T12:00:37","date_gmt":"2024-02-09T11:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=44125"},"modified":"2024-02-21T14:06:20","modified_gmt":"2024-02-21T13:06:20","slug":"neue-herausforderungen-fuer-die-seenotrettung-im-zentr-mittelmeer","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/neue-herausforderungen-fuer-die-seenotrettung-im-zentr-mittelmeer\/","title":{"rendered":"Neue Herausforderungen f\u00fcr die Seenotrettung im zentr. Mittelmeer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit November 2023 gab es zwei Mal den Fall, dass sich eine Person weigerte, am Ende einer Rettung durch SOS MEDITERRANEE von einem Boot in Seenot evakuiert zu werden. Die Person verlie\u00df stattdessen den Einsatzbereich, sobald alle anderen Personen an Bord unserer Schnellrettungsboote waren. Die Vorf\u00e4lle ereigneten sich alle in demselben Seegebiet, den internationalen Gew\u00e4ssern in der libyschen Such- und Rettungsregion.<\/strong><\/p>\n<p>Im November 2023 startete die letzte verbleibende Person an Bord eines provisorischen Bootes nach der Evakuierung von 33 Personen von einem seeuntauglichen, \u00fcberf\u00fcllten Boot in Seenot pl\u00f6tzlich den Motor und verlie\u00df den Einsatzbereich. Dies war in den \u00fcber 350 von SOS MEDITERRANEE durchgef\u00fchrten Rettungsaktionen das erste Mal, dass unser Team eine solche Situation erlebte. Etwa einen Monat sp\u00e4ter, Mitte Dezember, erlebte unser Team an Bord der Ocean Viking eine \u00e4hnliche Situation. Der Mann, der an Bord bleiben wollte, berichtete unserem Team auf dem Rettungsboot und einem unabh\u00e4ngigen Journalisten, dass er nach Libyen zur\u00fcckkehren m\u00fcsse, weil seine Frau dort gefangen gehalten werde. Die Informationen \u00fcber diese Vorf\u00e4lle wurden direkt an die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden weitergegeben. SOS MEDITERRANEE ist in den internationalen Gew\u00e4ssern des zentralen Mittelmeers im Einsatz, um Menschen in Notlage in \u00dcbereinstimmung mit den internationalen Seerechtskonventionen zu retten. Das Seerecht legt spezifische Verpflichtungen fest, die nicht verletzt werden d\u00fcrfen. Das Nichteinhalten der Pflichten ist ein Versto\u00df gegen das Gesetz.<\/p>\n<p><strong>Warum sind maritime Such- und Rettungsmittel im zentralen Mittelmeer unerl\u00e4sslich?<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2023 starben und verschwanden nach Angaben der Internationalen Organisation f\u00fcr Migration (IOM) mindestens 2.498 Frauen, Kinder und M\u00e4nner im zentralen Mittelmeer, und dies sind nur die bekannten Todesf\u00e4lle. Es ist die h\u00f6chste Zahl von Todesf\u00e4llen seit 2017. Die meisten dieser Todesf\u00e4lle und Verschwinden ereigneten sich in der libyschen Such- und Rettungsregion, wo die Koordination von SAR-Ma\u00dfnahmen nahezu nicht existiert und wo die libysche K\u00fcstenwache regelm\u00e4\u00dfig gef\u00e4hrlich und rechtswidrig handelt.<\/p>\n<p>Das tragische Schiffsungl\u00fcck vom 16. Dezember, bei dem mindestens 61 Personen ums Leben kamen, ist ein trauriges Beispiel f\u00fcr den t\u00f6dlichen Mangel an SAR-Kapazit\u00e4ten in diesem Gebiet. Das Schiffsungl\u00fcck ereignete sich, wie unz\u00e4hlige andere, von denen wir wissen und wahrscheinlich viele weitere, die nicht dokumentiert wurden, im selben Seegebiet.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hat das Team an Bord der Ocean Viking Berichte von \u00dcberlebenden \u00fcber gef\u00e4hrliche und restwidrige Abfang- und R\u00fcckf\u00fchrungsma\u00dfnahmen durch die libysche K\u00fcstenwache in dieser Region in internationalen Gew\u00e4ssern vor Libyen geh\u00f6rt und wurde selbst Zeuge davon. In mehreren F\u00e4llen brachte das aggressive Verhalten der Besatzungen von libyschen K\u00fcstenwachpatrouillenbooten das Leben der Schiffbr\u00fcchigen in Gefahr. Laut EU- und UN-Institutionen qualifiziert sich Libyen nicht als &#8222;Place of Safety&#8220;, einem sicheren Ort f\u00fcr die Anlandung geretteter Personen. Die Anlandung von aus Seenot geretteten Personen in Libyen stellt daher einen Versto\u00df gegen das Seerecht dar. Es gab unz\u00e4hlige Berichte von \u00dcberlebenden sowohl auf der Ocean Viking als auch an UN-Institutionen \u00fcber willk\u00fcrliche Inhaftierung und einen Zyklus von Ausbeutung, Erpressung und Gewalt nach Abfang- und R\u00fcckf\u00fchrungsma\u00dfnahmen durch die libysche K\u00fcstenwache.<\/p>\n<p><strong>Welche Kriterien f\u00fcr Seenot l\u00f6sen die Verpflichtung zur Rettung aus?<\/strong><\/p>\n<p>Das Seerecht, genauer gesagt die UN-Seerechtskonvention (UNCLOS), schreibt vor, dass jedes Schiff, das in der Lage ist, Personen in Seenot Hilfe zu leisten, dies tun muss. Die Insassen auf den Booten, von denen eine Person sich geweigert hat, evakuiert zu werden, waren objektiv in Seenot. Den Menschen in Seenot auf diesen Schiffen nicht zu helfen, w\u00fcrde daher einen Versto\u00df gegen internationales Recht darstellen.<\/p>\n<p>Die Kriterien, die Seenot ausmachen, sind in internationalen und EU-Verordnungen klar definiert, wie z. B. in der Verordnung (EU) Nr. 656\/2014. Es gibt mehrere Elemente, die zu ber\u00fccksichtigen sind, um zu beurteilen, ob ein Boot in Seenot ist:<\/p>\n<ol>\n<li>das Vorliegen einer Bitte um Hilfe, wobei eine solche Bitte nicht das alleinige Kriterium f\u00fcr das Vorliegen einer Seenotsituation sein darf;<\/li>\n<li>die Seet\u00fcchtigkeit des Schiffes und die Wahrscheinlichkeit, dass das Schiff sein Ziel nicht erreicht;<\/li>\n<li>die Anzahl der Personen an Bord im Verh\u00e4ltnis zur Art und Beschaffenheit des Schiffes;<\/li>\n<li>die Verf\u00fcgbarkeit notwendiger Vorr\u00e4te wie Treibstoff, Wasser und Nahrung, um eine K\u00fcste zu erreichen;<\/li>\n<li>das Vorhandensein qualifizierter Besatzung und F\u00fchrung des Schiffes;<\/li>\n<li>die Verf\u00fcgbarkeit und F\u00e4higkeit von Sicherheits-, Navigations- und Kommunikationsausr\u00fcstung;<\/li>\n<li>das Vorhandensein von Personen an Bord, die dringend medizinische Hilfe ben\u00f6tigen;<\/li>\n<li>das Vorhandensein von Verstorbenen an Bord;<\/li>\n<li>das Vorhandensein schwangerer Personen oder von Kindern an Bord;<\/li>\n<li>die Wetter- und Seebedingungen, einschlie\u00dflich Wetter- und Seewettervorhersagen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Alle von SOS MEDITERRANEE geretteten Boote erf\u00fcllen nicht nur eines, sondern mehrere dieser Kriterien. Die beiden im Dezember und November 2023 geretteten Schiffe waren f\u00fcr die Navigation auf hoher See ungeeignet und \u00fcberf\u00fcllt, keiner der Menschen in Seenot war zertifiziert ein Boot zu steuern, das Boot verf\u00fcgte nicht \u00fcber wesentliche Sicherheitsausr\u00fcstung und Rettungswesten, alle Schiffbr\u00fcchigen waren den Elementen ungesch\u00fctzt ausgesetzt und in manchen Situationen waren die Wetterkonditionen schlecht.<\/p>\n<p><strong>Warum ist die Ocean Viking dazu verpflichtet immer ihre aktuelle Position \u00f6ffentlich zu kommunizieren?<\/strong><\/p>\n<p>SOS MEDITERRANEE war nie mit Personen in Libyen in Kontakt, die beabsichtigen, das Mittelmeer zu \u00fcberqueren, und wir kommunizieren den Standort oder die Route der Ocean Viking nicht \u00f6ffentlich. Allerdings verpflichten maritime Sicherheitsvorschriften alle Schiffe \u00fcber einer bestimmten Tonnage, mit automatischen Identifikationssystem (AIS) Transceivern ausgestattet zu sein, die Navigationsdaten an AIS-Empf\u00e4nger \u00fcbertragen. Als solches k\u00f6nnen alle Schiffe auf den Diensten f\u00fcr den Schiffsverkehr, elektronischen Karten und \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Websites zur Schiffsverfolgung verfolgt werden. Die Position der Ocean Viking muss daher jederzeit f\u00fcr alle mit Internetzugang \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich sein. Das Ausschalten des AIS-Transceivers, um die Position und Route des Schiffes zu verbergen, ist nicht legal und daher keine Option.<\/p>\n<p><strong>Wir werden weiterhin Menschen in Seenot retten.<\/strong><\/p>\n<p>Untersuchungen auf See liegen in der Verantwortung staatlicher Beh\u00f6rden. Wir werden die Situation weiterhin genau \u00fcberwachen und transparent mit den Beh\u00f6rden kommunizieren, wie wir es schon immer getan haben.<\/p>\n<p>Menschen, die aus Libyen fliehen, haben keine andere Wahl, als ihr Leben auf See zu riskieren, um der Gewalt und den Menschenrechtsverletzungen im Land zu entkommen. Eine Zunahme von Abfang- und R\u00fcckf\u00fchrungsma\u00dfnahmen und das Fehlen sicherer und legaler Alternativen zur Suche nach Schutz f\u00fchren zu einer Anpassung von Routen und Techniken. Je schwieriger es f\u00fcr Menschen wird, dem schrecklichen Missbrauch in Libyen zu entkommen, \u00fcber den \u00dcberlebende seit Jahren unseren Teams an Bord berichten, desto mehr sind sie gezwungen, sich auf Schmuggler und Menschenh\u00e4ndler zu verlassen. Solange Menschen gezwungen sind, das Meer zu \u00fcberqueren, um Schutz zu suchen, und keine staatlich gef\u00fchrte Initiative besteht, um die steigende Zahl der Todesf\u00e4lle im Mittelmeer zu stoppen, werden wir unsere lebensrettende Mission auf See fortsetzen, um das Seerecht und die Pflicht zur Rettung aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit November 2023 gab es zwei Mal den Fall, dass sich eine Person weigerte, am Ende einer Rettung durch SOS MEDITERRANEE von einem Boot in Seenot evakuiert zu werden. Die Person verlie\u00df stattdessen den Einsatzbereich, sobald alle anderen Personen an Bord unserer Schnellrettungsboote waren. 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