{"id":38653,"date":"2022-12-21T18:43:38","date_gmt":"2022-12-21T17:43:38","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=38653"},"modified":"2022-12-21T18:45:33","modified_gmt":"2022-12-21T17:45:33","slug":"ibrahim","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/ibrahim\/","title":{"rendered":"\u00abEr hat uns immer gesagt: Ich werde euch t\u00f6ten! \u00bb Ein unbegleiteter Minderj\u00e4hriger erkl\u00e4rt, warum er beschlossen hat, sein Leben auf See zu riskieren, um aus Libyen zu fliehen."},"content":{"rendered":"<p><strong>Ibrahim*, 15 Jahre alt und aus Gambia, wurde am 18. September 2021 von der Crew auf der Ocean Viking gerettet, nachdem sein Boot von der Seabird, einem Flugzeug von Sea-Watch, gesichtet worden war.<\/strong><\/p>\n<p>Ohne Begleitung eines Erwachsenen ist er von der libyschen K\u00fcstenstadt Sabratha, in einem kleinen, seeunt\u00fcchtigen Holzboot mit 24 weiteren Personen geflohen. Darunter waren zwei Frauen und ein einj\u00e4hriges Baby. Sie hatten keine Schwimmwesten, Wasser oder Nahrung an Bord. Wenige Tage nach seiner Rettung erz\u00e4hlte Ibrahim einem unserer Teammitglieder, warum er das Risiko auf sich nahm, zu ertrinken, anstatt in Libyen zu bleiben. In den vier bis f\u00fcnf Monaten, die er in dem Land verbrachte, wurde Ibrahim wiederholt verpr\u00fcgelt, mit einer Waffe bedroht und erfuhr, dass einer seiner Jugendfreunde get\u00f6tet wurde.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-38637\" src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210918_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_114816-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210918_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_114816-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210918_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_114816-scaled-298x224.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210918_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_114816-300x225.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210918_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_114816-768x576.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210918_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_114816-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210918_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_114816-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p><strong>\u00abIn Libyen sterben Menschen, und ihre Familien wissen nicht, dass sie tot sind.\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Nach einer langen Reise aus Gambia, auf der er \u00abviel harte k\u00f6rperliche Arbeiten verrichtete, die ihm sein Vater nie zugetraut h\u00e4tte\u00bb, verbrachte Ibrahim fast f\u00fcnf Monate in einer \u00abH\u00f6lle\u00bb, wie er es nennt. In Libyen erlebte er unz\u00e4hlige Dem\u00fctigungen, Gewalt und Missbrauch. Um Arbeit zu finden, ging er zusammen mit anderen, die im Land festsassen, zu einem Ort, an dem Menschen f\u00fcr schwere Arbeiten wie Gipser oder Zementhersteller \u00abausgew\u00e4hlt\u00bb wurden. <em>\u00abWir arbeiteten von 8 Uhr morgens bis 19 Uhr abends f\u00fcr 5 Dinar am Tag <\/em>[weniger als 1 Euro]<em>. Das reicht nicht mal, um zwei Tage lang zu essen\u00bb<\/em>, erkl\u00e4rt er. Aber das waren eigentlich die einfachsten Momente seines Aufenthalts in dem Land. <em>\u00abEs ist sehr, sehr traurig. Ich hatte nicht erwartet, dass ich Libyen so vorfinden w\u00fcrde\u00bb<\/em>, sagt er. Auf der Strasse wurde Ibrahim wiederholt geschlagen. <em>\u00abAn einem Tag wurde ich grundlos mit dem R\u00fccken eines Gewehrs geschlagen. Ich habe immer noch eine grosse Narbe an meinen F\u00fcssen.\u00bb<\/em> Auch dem Tod begegnete Ibrahim in den ersten Tagen nach seiner Ankunft: <em>\u00abIn Libyen sterben manchmal Menschen, und ihre Familien wissen nicht, dass sie tot sind. Ich kannte einen gambischen Jungen aus meiner Heimatstadt, der vor mir im Land ankam. Als ich mich nach ihm erkundigte, erfuhr ich, dass er ins Gef\u00e4ngnis gesteckt wurde und gestorben ist. Als ich nach dem Grund fragte, sagte man mir, er sei bei einem Fluchtversuch erschossen worden.\u00bb<\/em><\/p>\n<p><strong>Kein anderer Fluchtweg als das Meer<\/strong><\/p>\n<p>Ibrahim sagt, er sei \u00abentmutigt\u00bb gewesen, als ihm das Ausmass an Gewalt und Schikanen in dem Land bewusstwurden. Er wollte um jeden Preis von Libyen weg, selbst wenn es hiess, in sein Heimatland zur\u00fcckzukehren. Aber das konnte er nicht: <em>\u00abEs gibt nur einen Flug zur\u00fcck nach Gambia. Manche Leute warten sechs Monate bis ein Jahr auf einen R\u00fcckflug, und das ist sehr teuer.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Ein Mann sagte ihm, er k\u00f6nne versuchen, \u00fcber das Meer zu fliehen. Also fuhr Ibrahim nach Sabratha, eine der wichtigsten K\u00fcstenst\u00e4dte im Westen Libyens. Dort verbrachte er einen Monat, \u00aban einem Ort, der wie ein Gef\u00e4ngnis ist\u00bb.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-38648 lazyload\" data-src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-scaled-298x224.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-300x225.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-768x576.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-2048x1536.jpg 2048w\" data-sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" style=\"--smush-placeholder-width: 800px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 800\/600;\" \/><noscript><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-38648\" src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-scaled-298x224.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-300x225.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-768x576.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_162446-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/noscript><\/p>\n<p><strong>\u00abDer Wachmann hat uns immer gesagt: \u00abIch werde euch t\u00f6ten! Ich werde euch t\u00f6ten!\u00bb\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Ibrahim und die Hunderte von Menschen, die sich mit ihm in dieser Art Gef\u00e4ngnis befanden, hatten kaum Nahrung und Wasser, keine medizinische Versorgung und wurden regelm\u00e4ssig schikaniert und bedroht. <em>\u00abMeistens haben wir nur einmal am Tag gegessen. Wir bekamen Essen, das seit 2020 abgelaufen war. Auch das Wasser war salzig. Einigen Menschen wurde durch das salzige Wasser so schlecht, dass sie einen Monat lang nicht auf die Toilette gehen konnten. Ein Freund, der von der Ocean Viking aus demselben Boot wie ich gerettet wurde, konnte gestern zum ersten Mal seit zwei Wochen wieder auf die Toilette gehen\u00bb,<\/em> erz\u00e4hlt er mit zu Boden gerichteten Augen. Selbst das Sprechen war nicht erlaubt. <em>\u00abWenn man redet, bekommt man Probleme\u00bb<\/em>, fl\u00fcstert er, ohne genaueres zu erz\u00e4hlen. Ibrahim f\u00fcrchtete das Leben, wie er es in Libyen kannte, schon vor seiner Gefangenschaft durch die Schmuggler, aber beim Warten auf die Flucht \u00fcber das Meer, wurde es von Stunde zu Stunde noch schlimmer: <em>\u00abWenn der Wachmann rauchte oder betrunken war, schoss er wahllos auf Leute oder richtete seine Waffe auf uns und sagte, dass er uns eines Tages t\u00f6ten w\u00fcrde, wenn wir nicht aufpassen. Er sagte uns immer: \u2018Ich werde euch t\u00f6ten! Ich bringe euch um!\u2019, ohne jeden Grund. Eines Tages fragte ich, warum? Was haben wir getan? Er sagte mir: \u2018Ich hasse dich\u2019. Er sagte mir, dass er mich pers\u00f6nlich hasste, weil ich ein Tank-Top trug. Von diesem Tag an trug ich immer lange \u00c4rmel. Selbst wenn es heiss war, zog ich meine Jacke an.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>An dem Tag, an dem Ibrahim gemeinsam mit der Gruppe, mit der er unterwegs war, das Holzboot bestieg, nahm der Mann sein Telefon und l\u00f6schte alles, was Ibrahim besass. <em>\u00abIch habe alle meine Telefonnummern verloren, aber ich habe die meines Vaters und meiner Mutter im Kopf\u00bb<\/em>, sagt er erleichtert. Libyen hat ihm gelehrt, dass er sich nur auf sich selbst verlassen kann.<\/p>\n<p><strong>Wenn die Angst, abgefangen zu werden, st\u00e4rker ist als die Angst vor dem Sterben<\/strong><\/p>\n<p>Als er das kleine, seeunt\u00fcchtige Holzboot sah, bekam Ibrahim aus mehreren Gr\u00fcnden Angst. Der Hauptgrund seiner Angst war, dass die libysche K\u00fcstenwache ihn abfangen w\u00fcrde, und nicht das Ertrinken. <em>\u00abAls ich das Boot sah, dachte ich zuerst an die libysche K\u00fcstenwache. Ich hatte Angst, abgefangen zu werden. Es ist ein Gl\u00fccksspiel. Die libysche K\u00fcstenwache wird einige Leute mitnehmen und andere zur\u00fccklassen. Ich wusste nicht, was mir passieren w\u00fcrde. Ich musste um jeden Preis versuchen, zu entkommen.\u00bb<\/em> Ibrahim hatte auch Angst vor dem schlechten Zustand des Bootes, aber er hatte keine Kontrolle dar\u00fcber: <em>\u00abWenn du die Reise abbrechen m\u00f6chtest, nachdem du den schlechten Zustand des Bootes gesehen hast, wird auf dich geschossen.\u00bb,<\/em> sagt er.<\/p>\n<figure id=\"attachment_38650\" aria-describedby=\"caption-attachment-38650\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-38650 size-large lazyload\" data-src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-scaled-298x224.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-300x225.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-768x576.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-2048x1536.jpg 2048w\" data-sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" style=\"--smush-placeholder-width: 800px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 800\/600;\" \/><noscript><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-38650 size-large\" src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-scaled-298x224.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-300x225.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-768x576.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/20210921_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_174848-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/noscript><figcaption id=\"caption-attachment-38650\" class=\"wp-caption-text\">Ibrahim zeigt eine Narbe, die einen Schlag mit einem Gewehrr\u00fccken bezeugt \u00a9 Laurence Bondard \/ SOS MEDITERRANEE<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wir werden nie vergessen, aber wir m\u00fcssen verzeihen <\/strong><\/p>\n<p>Als er auf dem Boot sass, barfuss, die Beine zwischen die Arme geklemmt und mit einem Handy ohne Kontakte, legte Ibrahim den Kopf in den Nacken, sah niemanden mehr an und begann an seine Eltern zu denken. <em>\u00abIch habe meiner Familie versprochen, sie eines Tages zu unterst\u00fctzten. Das ist ein Versprechen, das ich erf\u00fcllen muss. Wenn ich sterben w\u00fcrde, was w\u00fcrde dann mit ihnen passieren? Daran habe ich gedacht\u00bb<\/em>, erz\u00e4hlt er. Am Morgen des 18. September, gegen 9 Uhr, nachdem sie etwa 7 Stunden auf dem Meer verbracht hatten, sahen Ibrahim und die anderen an Bord in der Ferne einen kleinen Punkt. <em>\u00abIch dachte, es sei die libysche K\u00fcstenwache. Ich war sehr traurig. Wenn ich nach Libyen zur\u00fcckgeschickt worden w\u00e4re, w\u00e4re das sehr schlimm gewesen. Als ich dann die beiden Schnellboote auf mich zukommen sah, dachte ich, dass unsere Gebete endlich erh\u00f6rt wurden. Ich werde nie vergessen, was ich in meinem Leben durchgemacht habe. Aber ich muss verzeihen. Es ist wie die Sklaverei, die meine Vorfahren erleiden mussten. Wir werden nie vergessen, aber wir m\u00fcssen verzeihen.\u00bb <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*Der Name des unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen, wurde zum Schutz seiner Anonymit\u00e4t ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Fotonachweis: Laurence Bondard \/ SOS MEDITERRANEE<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ibrahim*, 15 Jahre alt und aus Gambia, wurde am 18. September 2021 von der Crew auf der Ocean Viking gerettet, nachdem sein Boot von der Seabird, einem Flugzeug von Sea-Watch, gesichtet worden war. Ohne Begleitung eines Erwachsenen ist er von der libyschen K\u00fcstenstadt Sabratha, in einem kleinen, seeunt\u00fcchtigen Holzboot mit 24 weiteren Personen geflohen. 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