{"id":37558,"date":"2022-08-08T13:31:59","date_gmt":"2022-08-08T11:31:59","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=37558"},"modified":"2022-08-09T07:00:51","modified_gmt":"2022-08-09T05:00:51","slug":"jahia-2","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/jahia-2\/","title":{"rendered":"\u201eIch m\u00f6chte die Welt darauf aufmerksam machen, was in Libyen geschieht: Auf den Sklavenhandel, auf die Gefangenenlager und auf alles andere.\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jahia*, 22 Jahre alt, war eine der 295 Personen, die zwischen dem 24. und dem 27. April von der Crew der Ocean Viking gerettet wurden. Die junge Frau wurde zusammen mit 58 anderen \u00dcberlebenden aus einem in Seenot geratenen Schlauchboot gerettet, nachdem dieses von der Br\u00fccke der Ocean Viking aus gesichtet worden war. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Obwohl sie erst Anfang 20 ist, hat Jahia vor ihrem Versuch, das Mittelmeer zu \u00fcberqueren, bereits viel erleben m\u00fcssen. Mit 17 Jahren fl\u00fcchtete sie aus ihrem Heimatland Kamerun, da sie dort zu einer unfreiwilligen Heirat gezwungen worden war. Auf der Flucht wurde sie im Niger entf\u00fchrt und nach Libyen verschleppt, wo sie zweimal als Sklavin zur Zwangsarbeit verkauft wurde. In der Zwangsarbeit beschloss sie aus Libyen nach Europa zu fliehen, obwohl dies nie ihr Ziel gewesen war. Ihren schwierigen Weg hat Jahia uns eindrucksvoll geschildert.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><span data-contrast=\"auto\">&#8222;Ich habe f\u00fcnf Jahre in Libyen verbracht und Kamerun mit 17 Jahren verlassen, nachdem ich zwangsverheiratet worden war. Ich kann dazu nicht mehr sagen, weil es eine sehr schmerzhafte Erinnerung ist, zu schmerzhaft. Ich ging zuerst nach Nigeria, Benin und Niger. An der Grenze zu Niger wurde ich mit anderen Menschen, die sich auch auf der Flucht befanden, entf\u00fchrt. Eine Gruppe von M\u00e4nnern verlangte von uns 500 000 CFA, um freigelassen zu werden. Sie sagten uns, wir sollten unsere Familien anrufen, w\u00e4hrend sie uns schlugen, damit der Betrag gezahlt werde. Ich hatte keine Familie mehr, die ich anrufen konnte. Ich konnte nicht freigelassen werden. Leute wie ich wurden dann in Lastwagen verfrachtet. Wir durchquerten drei Tage lang die W\u00fcste. Ohne Essen und Wasser. Drei Menschen mussten erbrechen w\u00e4hrend der Fahrt. Zwei starben. Sie wurden in der W\u00fcste abgeworfen.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\"><strong>Wir wurden nach Libyen gefahren. Bei unserer Ankunft kamen Menschen zu den Lastwagen. Sie wollten uns kaufen.<\/strong> Manche kauften zwei von uns auf einmal, andere drei, wieder andere nur eine Person. Herr Ibrahim kaufte nur mich.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Ich habe drei Jahre lang in seinem Haus gearbeitet, f\u00fcr seine ganze Familie. Ich konnte nie nach drau\u00dfen gehen und habe die ganze Zeit nur geputzt. Ich bin nie bezahlt worden, kein einziges Mal. Ich durfte mich nicht ausruhen, weder nachts noch tags\u00fcber. Die wenigen Schlafzeiten, die ich hatte, waren in seinem Laden. Und essen durfte ich nur einmal am Tag.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Eines Tages wurde ich schwer krank. Herr Ibrahim hatte Angst, dass ich bei ihm sterben w\u00fcrde, also verkaufte er mich an einen anderen Libyer. Gott sei Dank war dieser Mann nett zu mir: Ich konnte essen, wann immer ich wollte. Er hatte zwei Kinder und ich k\u00fcmmerte mich um sie. Ich wurde gut behandelt: Manchmal, wenn er mit seinen Kindern auf den Jahrmarkt ging, nahm er mich mit, damit ich mich auch am\u00fcsieren konnte. Ich blieb zwei Jahre dort, aber ich war immer noch ungl\u00fccklich, weil ich nicht frei war. <strong>Ich wollte frei sein wie alle anderen. Ich wollte mein Leben selbst in die richtigen Bahnen lenken, wie jedes andere M\u00e4dchen in meinem Alter. Deshalb bin ich geflohen.<\/strong><\/span><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Auf einer Baustelle traf ich auf Menschen, die ebenfalls aus ihrem Land geflohen waren. Ein senegalesischer Mann versteckte mich und gab mir Kleidung und Essen. Ich blieb zwei Monate in seiner Wohnung. Eines Tages fragte er mich, ob ich nach Italien gehen wolle. Ich fragte ihn, ob das von Libyen aus m\u00f6glich sei. Er antwortete: &#8222;Ja, es ist nicht gef\u00e4hrlich, du kannst \u00fcbersetzen&#8220;. Ich akzeptierte.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Er brachte mich an einen Ort, wo andere Menschen waren, die wie ich aus ihrem Land geflohen waren. Jeder und jede hatte eine eigene Geschichte. Einige verlie\u00dfen ihr Land aus politischen Gr\u00fcnden, andere wegen des Krieges, andere wegen einer Zwangsheirat, wieder andere wegen des Elends. <strong>Eines Nachts nahm man uns mit und setzte uns um 3 Uhr morgens auf einem Boot aufs Meer.<\/strong> Nicht einmal eine Stunde sp\u00e4ter brach die Holzplanke am Boden des Schlauchbootes in zwei Teile. Wasser begann einzudringen. Wir sch\u00f6pften Wasser, immer und immer wieder. Vielen Menschen wurde durch die Wellen und den Geruch des Treibstoffs \u00fcbel. Die Mischung aus Treibstoff und salzigem Meerwasser hat auch mein Bein verbrannt. Zum Gl\u00fcck wurden wir einige Stunden sp\u00e4ter gerettet.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_37556\" aria-describedby=\"caption-attachment-37556\" style=\"width: 798px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-37556 size-full\" src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Image1.jpg\" alt=\"\" width=\"798\" height=\"532\" srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Image1.jpg 798w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Image1-298x199.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Image1-300x200.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Image1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 798px) 100vw, 798px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-37556\" class=\"wp-caption-text\">Das Bild zeigt die Struktur des kaputten Bootes, welches Jahia in ihrer Aussage erw\u00e4hnte. Unsere Teammitglieder zerst\u00f6ren das Gummiboot, um sicherzustellen, dass es nicht wieder verwendet wird.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\"><strong>Ich m\u00f6chte ein normales Leben f\u00fchren, wie jeder andere auch. Ich w\u00fcrde gerne mein Studium wieder aufnehmen.<\/strong> Ich m\u00f6chte aus Liebe heiraten. Ich m\u00f6chte arbeiten und daf\u00fcr bezahlt werden. Ich m\u00f6chte Kinder haben. Ich m\u00f6chte Krankenschwester werden. Ich wollte immer schon das Leben von Menschen retten, bereits als Kind.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Ich erz\u00e4hle meine Geschichte heute, weil ich von der Lage in Libyen berichten m\u00f6chte. Libyen ist ein Land, das nicht jeder kennt. Ich kannte es nicht, bevor ich dort ankam. <strong>Ich m\u00f6chte die Welt darauf aufmerksam machen, was in Libyen geschieht: Auf den Sklavenhandel, auf die Gefangenenlager und auf alles andere.<\/strong> Wenn man nach Libyen geht, muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Schwarze Menschen haben nicht mehr wert als Schafe. Einige Leute haben in ihren G\u00e4rten ihre eigenen privaten &#8222;Gef\u00e4ngnisse&#8220; gebaut, Haftr\u00e4ume, die vom Staat nicht anerkannt werden. Wenn sie Schwarze entf\u00fchren, sperren sie sie dort ein und verlangen L\u00f6segeld von ihren Familien, w\u00e4hrend sie sie schlagen. Manchmal verlangen sie bis zu 1 Million CFA. Sie t\u00f6ten Menschen, wenn diese kein Geld haben. Wir haben keine Rechte in Libyen.&#8220;<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">***<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><span data-contrast=\"auto\">*Der Name wurde ge\u00e4ndert, um die Identit\u00e4t der<\/span><span data-contrast=\"auto\"> \u00dcberlebenden zu sch\u00fctzen.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Foto: Claire Juchat \/ SOS MEDITERRANEE<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559740&quot;:276,&quot;469777462&quot;:[2581],&quot;469777927&quot;:[0],&quot;469777928&quot;:[1]}\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahia*, 22 Jahre alt, war eine der 295 Personen, die zwischen dem 24. und dem 27. 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