{"id":37539,"date":"2022-08-05T13:25:32","date_gmt":"2022-08-05T11:25:32","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=37539"},"modified":"2022-08-08T11:33:10","modified_gmt":"2022-08-08T09:33:10","slug":"favour","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/favour\/","title":{"rendered":"\u201eDas Meer sollte kein Raum f\u00fcr Gesch\u00e4fte sein. Menschen verlieren dort jeden Tag ihr Leben.\u201c"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><em><span lang=\"FR-CH\">Favour* \u2013 aus Nigeria, 23 Jahre alt \u2013 wurde am 31. <\/span><\/em><em><span lang=\"EN-US\">Juli 2021 von unserem Team auf der Ocean Viking aus Seenot gerettet. Bevor er im Hafen von Pozzallo (Sizilien) an Land ging, erz\u00e4hlte er, wie er mit falschen Versprechungen dazu verleitet wurde, nach Libyen aufzubrechen, um dann festzustellen, dass er an ein System moderner Sklaverei verkauft worden war. Favour wollte, dass seine Geschichte geteilt wird, um andere zu warnen. F\u00fcr ihn ist eine politische L\u00f6sung die einzige M\u00f6glichkeit, den Kreislauf von Ausbeutung und Missbrauch zu durchbrechen, dem er in Libyen zum Opfer fiel. Wenige Stunden vor der Ausschiffung freute sich Favour am meisten darauf, seine Mutter zu kontaktieren.<\/span><\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><strong><span lang=\"EN-US\">[TRIGGER-WARNUNG] Dieser Text beschreibt physische und sexualisierte Gewalt.<\/span><\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201eVielleicht denkt sie, ich sei tot\u201c, sagte er, \u201eaber ich werde einen Weg finden, sie zu erreichen und ihr zu sagen, dass ich lebe.\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201eZu Hause stand mein Leben auf dem Spiel. Mein Gro\u00dfvater hatte mir ein St\u00fcck Land geschenkt. Ich nutzte es, um meine Familie zu ern\u00e4hren, w\u00e4hrend ich als Modedesigner arbeitete. Ein Mann in meiner Gegend wollte dieses St\u00fcck Land haben und begann, mich zu bedrohen. Er drohte, meine ganze Familie zu t\u00f6ten, w\u00fcrden wir das Grundst\u00fcck nicht verlassen.\u00a0<strong>Er hat meinen Gro\u00dfvater ermordet. Ich ging zur Polizei, aber die hat nichts unternommen.<\/strong>\u00a0Dieser Mann war sehr einflussreich und die nigerianische Polizei arbeitet nur f\u00fcr diejenigen, die Geld haben.\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201eIch kam nach Libyen, da mich jemand, den ich f\u00fcr einen Freund hielt, betrogen hat. Er war ebenfalls Modedesigner und sagte mir, dass es in Libyen viel Arbeit in der Modeindustrie gebe.<strong>\u00a0Ich wusste nicht, dass er mich in Wirklichkeit verkauft hatte.<\/strong>\u00a0Insgesamt verbrachte ich zwei Jahre in Libyen. Nachdem ich den Leuten, an die ich verkauft worden war, entkommen bin, begann ich, als Ziegelbrenner zu arbeiten. Aber Arbeit wird in Libyen nicht bezahlt.\u00a0<strong>Ich wollte nie das Mittelmeer \u00fcberqueren. Aber ich habe gelernt, dass es in Libyen keine Freiheit gibt \u2013 \u00fcberall herrscht nur Unterdr\u00fcckung.<\/strong>\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<blockquote>\n<h3><strong><span lang=\"EN-US\">\u201eNachdem sie auf dem Meer abgefangen werden, haben viele der Frauen niemanden, der f\u00fcr sie zahlt. Also werden sie verkauft. Das ist Menschenhandel.\u201c<\/span><\/strong><\/h3>\n<\/blockquote>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201eAls ich das erste Mal versucht habe, das Meer zu \u00fcberqueren, wurde ich von der libyschen K\u00fcstenwache abgefangen und in das Tarik-Al-Sikka-Gef\u00e4ngnis in Tripolis gebracht. Es kostet 3000 Dinar, um freigelassen zu werden. F\u00fcr Frauen sind es 5000 Dinar.\u00a0<strong>Die M\u00e4nner werden dort jeden Tag geschlagen, die M\u00e4dchen vergewaltigt.<\/strong>\u00a0<strong>Viele nigerianische Frauen werden Opfer von Menschenhandel.<\/strong>\u00a0Jedes Mal, wenn ich sie sehe, weine ich um sie. Wenn sie auf dem Meer abgefangen wurden, haben viele der Frauen niemanden, der f\u00fcr sie zahlt. Also werden sie verkauft. Das ist Menschenhandel.\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201eUm rauszukommen, bittet man einen Freund au\u00dferhalb des Gef\u00e4ngnisses, die Polizei zu bezahlen, oder man versucht, zu fliehen. <\/span><span lang=\"FR-CH\">Ich kenne Leute, die versucht haben, aus dem Abu-Salim-Gef\u00e4ngnis zu fliehen. <\/span><span lang=\"EN-US\">Sie wurden mit Maschinengewehren beschossen. Zehn von ihnen wurden get\u00f6tet.\u00a0<strong>Mein Freund wurde von einer Kugel getroffen.<\/strong>\u00a0Ich habe das Gef\u00fchl, dass auch die internationalen Organisationen Angst haben. Manchmal, wenn sie zu uns ins Gef\u00e4ngnis kamen, wurden sie einfach wieder hinausgeworfen.\u00a0<strong>Selbst wenn man sehr krank ist, erlauben sie nicht, dass sie einen rausholen.<\/strong>\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<blockquote>\n<h3><strong><span lang=\"EN-US\">\u201eIch will, dass der Mann, der mich betrogen hat, verurteilt wird. Denn (\u2026) ich wei\u00df, dass er es wieder tun wird.\u201c<\/span><\/strong><\/h3>\n<\/blockquote>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201eDie Polizei schl\u00e4gt ebenfalls Profit daraus, dass Menschen versuchen, das Mittelmeer zu \u00fcberqueren. Manche Leute zahlen, um aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen zu werden. Gleichzeitig bezahlen sie damit daf\u00fcr, dass die Polizei sie in ein Boot setzt. Wenn die Polizei eine Abfahrt organisiert, klebt sie einen Sticker auf das Boot. So signalisiert sie der K\u00fcstenwache, dass es von ihnen ist und diese es durchl\u00e4sst.\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<blockquote><p><strong><span lang=\"EN-US\">\u201eDas Meer sollte kein Raum f\u00fcr Gesch\u00e4fte sein. Menschen verlieren dort jeden Tag ihr Leben.\u201c<\/span><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201e<strong>Meiner Meinung nach werden so lange Menschen auf dem Meer sterben, wie es keine richtige Regierung in Libyen gibt.<\/strong>\u00a0Denn die Menschen dort werden unterdr\u00fcckt. In Libyen haben alle eine Waffe, auch Kinder.\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201eIch w\u00fcnschte, ich w\u00e4re nicht weggegangen. Ich w\u00fcnschte, die Polizei in meinem Land w\u00fcrde so arbeiten, wie sie es sollte. Zuerst m\u00fcssen die B\u00fcrger*innen gesch\u00fctzt werden. Dann muss die nigerianische Grenze kontrolliert werden.\u00a0<strong>So viele Nigerianer*innen sind in Libyen, weil sie zu Hause nicht gesch\u00fctzt und die Grenzen nicht kontrolliert werden.<\/strong>\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">\u201eIch will, dass der Mann, der mich betrogen hat, verurteilt wird. Denn (\u2026) ich wei\u00df, dass er es wieder tun wird.\u201c<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><span lang=\"EN-US\">***<br \/>\n*Der Name wurde ge\u00e4ndert, um die Identit\u00e4t des \u00dcberlebenden zu sch\u00fctzen.<br \/>\n<\/span><span lang=\"FR-CH\">Fotonachweis: Flavio Gasperini \/ SOS MEDITERRANEE<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Favour* \u2013 aus Nigeria, 23 Jahre alt \u2013 wurde am 31. Juli 2021 von unserem Team auf der Ocean Viking aus Seenot gerettet. 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