{"id":36580,"date":"2022-04-19T16:25:46","date_gmt":"2022-04-19T14:25:46","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=36580"},"modified":"2022-04-19T17:08:18","modified_gmt":"2022-04-19T15:08:18","slug":"asante","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/asante\/","title":{"rendered":"&#8222;Eines Tages beschlossen wir, dass es besser war zu sterben als dieses Leben zu f\u00fchren.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b><span data-contrast=\"auto\">Asante* kommt aus Eritrea und war als Minderj\u00e4hriger unbegleitet auf der Flucht, als er am 16. Dezember 2021 von den Teams auf der Ocean Viking gerettet wurde. Er wurde in internationalen Gew\u00e4ssern vor der libyschen K\u00fcste eingepfercht auf einem \u00fcberf\u00fcllten, seeunt\u00fcchtigen Schlauchboot gefunden. Er trug nicht einmal eine Rettungsweste. Nach einem Notruf hatten die Teams auf der Ocean Viking die ganze Nacht nach dem Boot gesucht. Danach musste Asante* \u00fcber eine Woche an Bord der Ocean Viking darauf warten, bis die Beh\u00f6rden den 113 Geretteten einen sicheren Ort zuwiesen, an dem sie an Land gehen k\u00f6nnen. In dieser Zeit wurde er von den medizinischen Teams von SOS MEDITERRANEE und der IFRC betreut und erkl\u00e4rte, was ihn dazu veranlasst hatte, sein Leben auf einem seeunt\u00fcchtigen Schlauchboot zu riskieren.\u00a0<\/span><\/b><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><i><span data-contrast=\"auto\">&#8222;Ich habe gesehen, dass Menschen in Libyen wie Tiere behandelt werden&#8220;<\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\">, beginnt Asante*. Der Jugendliche hatte nicht vor, nach Libyen zu gehen. Er war aus seiner von einer Diktatur beherrschten Heimat Eritrea nach Tigray in \u00c4thiopien geflohen. Doch als in dieser Region Krieg ausbrach, ging er weiter in den Sudan. Als er dort nach Arbeit suchte, wurde ihm von Unbekannten ein Job versprochen. Diese <\/span><b><span data-contrast=\"auto\">entf\u00fchrten ihn nach Libyen<\/span><\/b><span data-contrast=\"auto\">, ohne dass er wusste, was vor sich ging<\/span><i><span data-contrast=\"auto\">. &#8222;Sie sagten mir: &#8218;Wenn du einen Job haben willst, komm mit uns&#8216;. Dann steckten sie uns in einen geschlossenen Ort [ein Internierungslager]. <\/span><\/i><b><i><span data-contrast=\"auto\">Dort schlug man uns den ganzen Tag<\/span><\/i><\/b><i><span data-contrast=\"auto\">. Man kann [die Narben auf] meinem Fuss sehen. Wir waren Hunderte oder Tausende von Menschen, und es gab keine Toiletten. <\/span><\/i><b><i><span data-contrast=\"auto\">Eines Tages beschlossen wir, dass es besser war zu sterben als dieses Leben zu f\u00fchren. <\/span><\/i><\/b><i><span data-contrast=\"auto\">Wir protestierten, um aus dem Gef\u00e4ngnis zu fliehen [1].&#8220; <\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\">W\u00e4hrend des versuchten Ausbruchs, so Asante*, wurde auf ihn und seine Schicksalsgenossen geschossen.\u00a0<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><i><span data-contrast=\"auto\">&#8222;<\/span><\/i><b><i><span data-contrast=\"auto\">Sie haben viele Menschen get\u00f6tet<\/span><\/i><\/b><i><span data-contrast=\"auto\">\u2026 Sie haben einige von uns get\u00f6tet, und bis heute wissen wir nicht, wo einige derjenigen sind, die mit uns zu fliehen versuchten.&#8220;<\/span><\/i><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559685&quot;:720,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Nachdem er anderthalb Monate lang auf der Strasse geschlafen hatte, beschlossen er und einige Freunde, in einem &#8222;kleinen Haus&#8220; zu schlafen, dem einzigen Ort, den sie sich leisten konnten, im Slum von Gargaresh in der Hauptstadt Tripolis. Dort hatte Asante* das Gef\u00fchl, jeden Moment in Gefahr zu sein<\/span><i><span data-contrast=\"auto\">. &#8222;Wir blieben jede Nacht wach und redeten, um uns zu sch\u00fctzen. Denn irgendein Libyer k\u00f6nnte anderen Leuten erz\u00e4hlen, dass du da bist, und dann kommen sie nachts in dein Haus. <\/span><\/i><b><i><span data-contrast=\"auto\">Nur schon wegen eines Telefons kann man get\u00f6tet werden.<\/span><\/i><\/b><i><span data-contrast=\"auto\"> Sie kamen nachts oft mit Messern und pressten sie mir so gegen den K\u00f6rper <\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\">[zeigt die Geste, mit der jemand ein Messer an den Unterleib dr\u00fcckt].<\/span><i><span data-contrast=\"auto\"> Sie forderten mich auf, ihnen mein Telefon zu geben. <\/span><\/i><b><i><span data-contrast=\"auto\">Ich hatte es nur benutzt, um meine Familie anzurufen<\/span><\/i><\/b><i><span data-contrast=\"auto\">, aber sie haben es mir jedes Mal weggenommen.&#8220;<\/span><\/i><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Eines Tages wurden Asante* und andere erneut mit ihrem Arbeitswillen gelockt: <\/span><i><span data-contrast=\"auto\">&#8222;Polizisten kamen und sagten: &#8218;Wir brauchen ein paar Leute zum Arbeiten. Wir nehmen euch f\u00fcr zehn Tage mit, dann lassen wir euch gehen.'&#8220;<\/span><\/i> <b><span data-contrast=\"auto\">Erneut wachte Asante in Haft auf<\/span><\/b><span data-contrast=\"auto\">, an einem Ort, der ihm noch mehr Angst machte als der erste, den er beschrieben hatte. <\/span><i><span data-contrast=\"auto\">&#8222;Sie brachten uns in ein anderes Gef\u00e4ngnis, in dem es Kriminelle gab. <\/span><\/i><b><i><span data-contrast=\"auto\">Einige Gefangene waren dort f\u00fcr f\u00fcnf, manchmal sechs Jahre eingesperrt<\/span><\/i><\/b><i><span data-contrast=\"auto\">.&#8220;<\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\"> Diesmal hatte Asante* nicht die Kraft, zu beschreiben, wie er w\u00e4hrend seiner Haft behandelt wurde, aber er erz\u00e4hlte, wie er versuchte, seine Rechte und die seiner willk\u00fcrlich inhaftierten Kamerad*innen zu verteidigen: <\/span><i><span data-contrast=\"auto\">&#8222;Eines Tages sagte ich: &#8218;Sie haben uns gesagt, wir w\u00fcrden hier zehn Tage arbeiten, und jetzt sind es schon zwei Wochen. Lasst uns gehen.'&#8220; <\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\">Als Antwort bekam er Schl\u00e4ge:\u00a0<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><i><span data-contrast=\"auto\">&#8222;<\/span><\/i><b><i><span data-contrast=\"auto\">Sie nahmen mich mit und schlugen mich vor den Augen meiner Freunde, um anderen Angst zu machen.<\/span><\/i><\/b><i><span data-contrast=\"auto\"> Von diesem Tag an bat niemand mehr darum, gehen zu d\u00fcrfen. Wir blieben dort f\u00fcr eine lange Zeit. Bis wir eines Tages beschlossen, uns zu organisieren und zu fliehen.&#8220;<\/span><\/i><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559685&quot;:720,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b><i><span data-contrast=\"auto\">&#8222;In Libyen schl\u00e4ft man nie in Sicherheit&#8220;<\/span><\/i><\/b><span data-contrast=\"auto\">, f\u00e4hrt Asante* fort. <\/span><i><span data-contrast=\"auto\">&#8222;Ich hoffe, dass ich dieses Leben jetzt nicht mehr f\u00fchren muss und mein eigenes Leben beginnen kann<\/span><\/i><b><i><span data-contrast=\"auto\">. Ich m\u00f6chte zur Schule gehen, ich m\u00f6chte lernen und dann eine Familie gr\u00fcnden.<\/span><\/i><\/b><i><span data-contrast=\"auto\"> Heute habe ich das Gef\u00fchl, dass ich eine neue Chance bekommen habe.&#8220;<\/span><\/i><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">***<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">* Der Name des minderj\u00e4hrigen Zeugen wurde zum Schutz seiner Anonymit\u00e4t ge\u00e4ndert.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">[1] \u00dcberlebende, die auf der Flucht vor Libyen aus dem Meer gerettet wurden, sprechen oft von Gef\u00e4ngnissen, womit Inhaftierungszentren gemeint sind<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Gesammelt von Abdelfetah Muhamed, IFRC Post-Rescue Facilitator und Laurence Bondard, SOS MEDITERRANEE Kommunikationsbeauftragte an Bord der Ocean Viking<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Fotonachweis: Laurence Bondard \/ SOS MEDITERRANEE<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335559739&quot;:160,&quot;335559740&quot;:257}\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Asante* kommt aus Eritrea und war als Minderj\u00e4hriger unbegleitet auf der Flucht, als er am 16. 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