{"id":35382,"date":"2022-02-10T20:54:21","date_gmt":"2022-02-10T19:54:21","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=35382"},"modified":"2022-03-09T07:33:24","modified_gmt":"2022-03-09T06:33:24","slug":"yoel","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/yoel\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich f\u00fchlte mich an dem Tag, an dem ihr uns gerettet habt, wie neu geboren.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Yoel* verliess sein Heimatland Eritrea, in dem eine Diktatur herrscht, vor \u00fcber f\u00fcnf Jahren. Nachdem er vier Jahre in einem Fl\u00fcchtlingscamp in Tigray, \u00c4thiopien, verbracht hatte, brach in der Region Krieg aus. Ihm gelang die Flucht in den Sudan, der Mangel an Arbeitsm\u00f6glichkeiten veranlasste ihn aber schliesslich, weiter nach Libyen zu gehen. Nach seiner Ankunft wurde Yoel* mehrere Monate lang willk\u00fcrlich in Kufra, einer Grenzstadt zum Sudan, und dann erneut in Tripolis, festgehalten, unter anderem in einem ber\u00fcchtigten Haftzentrum namens Ghut Shaal in Gargaresh. Zwei Tage nachdem er auf dem Meer erneut dem Tod entkommen war, erz\u00e4hlte er uns an Bord der Ocean Viking einen Teil seiner Geschichte. Er batum Unterst\u00fctzung f\u00fcr alle, die noch immer in Libyen festsitzen, insbesondere f\u00fcr Frauen und Kinder, um die er sich grosse Sorgen macht.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-35378\" src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211216_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_064730-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211216_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_064730-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211216_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_064730-scaled-298x224.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211216_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_064730-300x225.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211216_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_064730-768x576.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211216_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_064730-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211216_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_064730-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 16. Dezember am fr\u00fchen Morgen wurde Yoel* zusammen mit 113 anderen Personen auf einem extrem \u00fcberf\u00fcllten Schlauchboot gefunden. Unter ihnen auch Frauen, zwei Kinder unter acht Jahren und zwei Neugeborene im Alter von weniger als einem Monat. Sie hatten die ganze Nacht auf engstem Raum und ohne Schwimmwesten verbracht.<\/p>\n<p><strong><em>&#8222;Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich an dem Tag, an dem ihr uns gerettet hab, neu geboren wurde. Ich werde diesen Tag zum Feiertag machen, um diesen Moment meines Lebens zu feiern.&#8220; <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zwei Tage nach seiner Rettung beschliesst Yoel*, dass er seine Geschichte erz\u00e4hlen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong><em>&#8222;Ich kann dir nicht sagen, was ich gesehen habe und was in Libyen passiert ist. Mir fehlen die Worte&#8220;, <\/em><\/strong>sagt er.<strong><em> &#8222;Ich habe gesehen, wie Menschen geschlagen, get\u00f6tet und vergewaltigt wurden.&#8220;<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Yoel* erkl\u00e4rt, dass er in Libyen ohne jeglichen Prozess oder Zugang zu grundlegenden Menschenrechten von einem Internierungslager ins n\u00e4chste kam. Bei seiner Ankunft an der Grenze zum Sudan wurde er in Kufra sofort willk\u00fcrlich inhaftiert. Er kam erst wieder frei, als er genug Geld gesammelt hatte, um seine W\u00e4rter zu bezahlen. <em>&#8222;Wenn du zahlst, kommst du frei. Wenn du nicht zahlst, wirst du verpr\u00fcgelt. Nach f\u00fcnf Monaten habe ich es geschafft, mit Hilfe anderer Leute zu bezahlen&#8220;<\/em>. In der Hoffnung, Arbeit zu finden, beschloss Yoel* daraufhin, nach Tripolis zu gehen. Doch er erz\u00e4hlt, dass die Milizen beschlossen, alle Ausl\u00e4nder in ein &#8222;Gef\u00e4ngnis&#8220; zu bringen: <em>&#8222;Wir blieben dort zwei Wochen lang unter schrecklichen Bedingungen. Es herrschte grosser Hunger. Wir wurden von den Wachen geschlagen, und sie gaben uns erst etwas zu essen, als wir kurz vor dem Sterben waren. Wir haben sehr gelitten und beschlossen zu protestieren und diesen Ort zu verlassen. [&#8230;] Die Regierung verfolgte uns, sie jagten uns auf den Strassen. Sie schossen auf uns\u2026 Ich war einer derjenigen, die einen Schuss ins Bein bekamen. Ich fiel hin und verlor mitten auf der Strasse das Bewusstsein. [&#8230;] Viele Menschen wurden an diesem Tag get\u00f6tet.&#8220;<\/em> Er erz\u00e4hlt, dass er gesehen hat, wie die Leichen von Verstorbenen in M\u00fclltonnen weggeworfen wurden<em>. &#8222;Sie wurden nicht einmal auf einem Friedhof begraben&#8220;<\/em>, erinnert er sich. Andere starben im Krankenhaus, sagt Yoel* aus. Ihm zufolge befanden sich etwa 2.500 Menschen im &#8222;Ghut Shaal&#8220; Internierungslager.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-35376 lazyload\" data-src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-1024x574.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"448\" data-srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-1024x574.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-298x167.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-300x168.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-768x430.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036.jpg 1280w\" data-sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" style=\"--smush-placeholder-width: 800px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 800\/448;\" \/><noscript><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-35376\" src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-1024x574.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"448\" srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-1024x574.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-298x167.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-300x168.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036-768x430.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20211218_Laurence-Bondard_SOS-MEDITERRANEE_Screenshot-2021-12-18-155036.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/noscript><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als auf ihn geschossen wurde, dachte Yoel*, er w\u00fcrde sterben. Die Leute teilten Bilder von ihm, wie er verwundet auf der Strasse lag. <em>&#8222;Meine Familie dachte, ich sei tot. Es war sehr traurig&#8220;,<\/em> fl\u00fcstert er. Schliesslich wurden er und andere Verletzte in ein Krankenhaus gebracht, wo sie behandelt wurden. Doch nach einem Monat mussten sie das Krankenhaus verlassen: <em>&#8222;Weil wir nicht zahlen konnten, forderte uns das Krankenhaus auf zu gehen&#8220;<\/em>, erkl\u00e4rt er. Als er mit den anderen das Krankenhaus verliess, gingen sie in den ber\u00fcchtigten Slum von Gargaresh in Tripolis. Dieser ist f\u00fcr willk\u00fcrliche Razzien gegen Migrant*innen und Fl\u00fcchtende bekannt ist: <em>&#8222;Jede Nacht kamen Leute und bedrohten uns, um unsere Handys und unser Geld zu stehlen&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p><strong><em>&#8222;An dem Tag, an dem wir Libyen verliessen, hatte ich beschlossen, dass ich mich ins Wasser st\u00fcrzen und sterben w\u00fcrde, falls die libysche K\u00fcstenwache kommen sollte. Viele der Personen, die mit mir auf dem Boot waren, hatten beschlossen, das Gleiche zu tun.&#8220;<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>&#8222;Ich bitte euch, euer Bestes zu tun, um den Menschen zu helfen, die noch in Libyen [in Inhaftierungslagern] festgehalten werden. Bitte helft diesen Menschen&#8220;.<\/em> Besonders besorgt ist Yoel* um die willk\u00fcrlich inhaftierten Frauen: <em>&#8222;Es gibt viele Misshandlungen von Frauen. Sie m\u00fcssen einen hohen Preis zahlen, um aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen zu werden, und selbst wenn sie viel zahlen, werden sie nicht freigelassen. <\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Wir wissen, was mit den Frauen im Gef\u00e4ngnis geschieht und warum sie dort festgehalten werden. Auch jetzt sind noch Frauen in diesem Gef\u00e4ngnis. Ich bitte euch alle, eine L\u00f6sung f\u00fcr diese Frauen zu finden.&#8220;\u00a0 \u00a0<\/em><\/p>\n<p>Jetzt hofft Yoel*, dass er sein Leben seiner Familie widmen kann<em>. &#8222;Ich habe Kinder, und ich m\u00f6chte, dass sie ein besseres Leben haben als das, das ich hatte. Alles, was ich tue, ist f\u00fcr sie&#8220;, <\/em>sagt er.<em> &#8222;Heute bin ich so gl\u00fccklich.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>\u00dcber mehrere Tage befand sich Yoel* zusammen mit den anderen 113 auf dem Achterdeck der Ocean Viking. Er schlief auf dem Boden eines Containers, der als Unterkunft f\u00fcr die M\u00e4nner dient, und ern\u00e4hrte sich von hyperproteinhaltigen Nahrungsrationen. W\u00e4hrend er darauf wartete, an einem sicheren Ort von Bord zu gehen, gab es f\u00fcr ihn und die anderen \u00dcberlebenden weder Intimit\u00e4t noch Komfort. Doch f\u00fcr Yoel* war dieses Schiff ein Paradies. <em>&#8222;Mehr will ich nicht&#8220;,<\/em> sagte er.<\/p>\n<p><em>&#8222;Seit ihr uns gerettet habt, sehe ich, wie respektvoll ihr uns behandelt, verglichen mit der Art, wie wir in Libyen behandelt wurden.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>*Der Name wurde ge\u00e4ndert, um die Identit\u00e4t des \u00dcberlebenden zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Gesammelt von Abdelfetah Muhamed, IFRC Post-Rescue Facilitator und Laurence Bondard, SOS MEDITERRANEE Kommunikationsbeauftragter an Bord der Ocean Viking<\/p>\n<p>Fotonachweise: Laurence Bondard \/ SOS MEDITERRANEE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yoel* verliess sein Heimatland Eritrea, in dem eine Diktatur herrscht, vor \u00fcber f\u00fcnf Jahren. Nachdem er vier Jahre in einem Fl\u00fcchtlingscamp in Tigray, \u00c4thiopien, verbracht hatte, brach in der Region Krieg aus. 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