{"id":34974,"date":"2022-01-06T12:37:36","date_gmt":"2022-01-06T11:37:36","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=34974"},"modified":"2022-03-14T07:41:39","modified_gmt":"2022-03-14T06:41:39","slug":"maha","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/maha\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich habe bald gemerkt, dass ich aus einer H\u00f6lle geflohen bin, nur um eine andere zu finden.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Maha* ist 48 Jahre alt und stammt aus Damaskus, Syrien. Sie wurde zusammen mit ihrem achtj\u00e4hrigen Sohn am 4. November aus einem \u00fcberf\u00fcllten Holzboot gerettet. Claire, Kommunikationsverantwortliche von SOS MEDITERRANEE auf der Ocean Viking, schreibt \u00fcber die Begegnung mit Maha.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>&#8222;<strong>Mein Mann ist letztes Jahr bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen. Ich habe ein Foto von ihm, er ist voller Blut. Hier. Sehen Sie.<\/strong> Mein Haus wurde zerst\u00f6rt. Mein j\u00fcngster Sohn wurde ebenfalls verletzt. Andere Verwandte wurden willk\u00fcrlich ins Gef\u00e4ngnis gebracht, und ich habe seitdem nichts mehr von ihnen geh\u00f6rt. Meine beiden \u00e4lteren Kinder haben mich \u00fcberzeugt, das Land zu verlassen. Es ist zu gef\u00e4hrlich in meinem Land&#8220;<\/em>, erz\u00e4hlte mir Maha.<\/p>\n<p>Maha und ihr achtj\u00e4hriger Sohn packten ihre wenigen Habseligkeiten zusammen und flogen nach Libyen. <em>&#8222;<strong>Wir brauchten kein Visum, um nach Libyen zu kommen, es war der einfachste Weg, Syrien zu verlassen.<\/strong> \u00dcber den Landweg ist es zu gef\u00e4hrlich. Niemand spricht mehr \u00fcber die Situation in Syrien, aber Bombenanschl\u00e4ge, Morde und das Verschwinden von Personen sind an der Tagesordnung.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Maha erkl\u00e4rte, dass die Beh\u00f6rden ihnen nach ihrer Ankunft in Libyen die P\u00e4sse abnahmen. <strong><em>&#8222;Ich habe bald gemerkt, dass ich aus einer H\u00f6lle geflohen bin, nur um eine andere zu finden.&#8220;<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>&#8222;Der einzige Weg von Libyen weg war das Meer.<\/em><\/strong><em> Also haben wir es versucht. Dreimal. Zweimal wurden wir von den Libyern <\/em>[libysche K\u00fcstenwache]<em> abgefangen. Als wir das erste Mal abgefangen wurden, sagten sie uns, dass wir in Sicherheit seien. Dass sie da seien, um uns zu retten und dass sie uns nicht ins Gef\u00e4ngnis schicken w\u00fcrden. Das war eine L\u00fcge. Als wir zum Hafen zur\u00fcckgebracht wurden, waren dort einige Organisationen. Sie machten Fotos von uns und dann wurden wir einfach ins Gef\u00e4ngnis <\/em>[Internierungslager] <em>gebracht<\/em>. <em>Einfach so. Ohne jede Hilfe.&#8220;<\/em> Nachdem sie zwei Wochen in einem offiziellen Internierungslager in Tripolis verbracht hatte, sagte Maha, sei es ihr gelungen, f\u00fcr ihre Freilassung und die ihres Sohnes zu bezahlen. Danach sei ihr aber keine andere M\u00f6glichkeit geblieben, als die Flucht \u00fcbers Mittelmeer ein weiteres Mal zu riskieren. Sie versuchten es ein zweites Mal. <em>&#8222;Sobald sie wieder auftauchten, brach ich zusammen. Sie kamen auf uns zu und schrien uns an. Wir konnten uns nicht wehren. Sie hatten Gewehre und bedrohten uns.&#8220;<\/em> Maha erkl\u00e4rte, dass sie erneut in den Hafen von Tripolis zur\u00fcckgebracht und nach Nationalit\u00e4t und Alter sortiert wurden, bevor sie mit Bussen in verschiedene Internierungslager zur\u00fcckgeschickt wurden.<\/p>\n<p>Maha erz\u00e4hlte mir, dass sie sich gefangen f\u00fchlte und nicht wusste, was sie tun sollte. In Libyen gab es weder Perspektiven noch Sicherheit f\u00fcr sie und ihren Sohn, aber sie bef\u00fcrchtete, dass sie wieder gewaltsam dorthin zur\u00fcckgeschickt werden w\u00fcrde, wenn sie erneut versuchten, \u00fcber das Meer zu fliehen. Maha gestand, dass sie emotional ersch\u00f6pft war und mit Angst lebte. <strong><em>&#8222;Ich beschloss, es noch einmal zu versuchen, denn ich konnte es nicht ertragen, meinen Sohn in einem Leben ohne Hoffnung zu sehen. <\/em><\/strong><em>Ich nahm so viel Mut zusammen, wie ich konnte, und wir fuhren erneut los. Es war dunkel, die Wellen waren hoch, ich war seekrank. Doch dieses Mal erschienen Sie auf der Bildfl\u00e4che, und vom ersten Augenblick an wusste ich, dass Sie nicht die Libyer waren. Sie sprachen mit uns mit Respekt und Ruhe. Sie haben uns auf eine sichere Art und Weise gerettet. Ich bin so dankbar.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-34975\" src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211104_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_184119-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211104_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_184119-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211104_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_184119-scaled-298x224.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211104_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_184119-300x225.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211104_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_184119-768x576.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211104_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_184119-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211104_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_184119-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem sie sicher auf unser Schnellboot gebracht worden waren, sagte Mahas Sohn dem Rettungsteam immer wieder &#8222;Danke&#8220;. Maha und ihr Sohn gingen am 11. November in Augusta, Sizilien, von Bord. W\u00e4hrend sie in Sturm, Regen und hohen Wellen mehrere Tage warten mussten, bevor die Beh\u00f6rden einen sicheren Hafen zuwiesen, hatten sie immer eine freundliche Geste f\u00fcr das Team. Sie fragten mit Zeichen, wie es uns ging und ob wir nicht m\u00fcde waren. Die Resilienz von Maha und ihrem Sohn beeindruckte mich. <em>&#8222;Endlich kann ich wieder durchatmen. Das konnte ich so lange nicht mehr. <strong>Ich bin erleichtert, dass ich bald keine Bombenger\u00e4usche mehr h\u00f6ren werde und nicht mehr Gefahr laufe, ins Gef\u00e4ngnis gesteckt zu werden.&#8220;<\/strong><\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-34977 lazyload\" data-src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" data-srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-scaled-298x224.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-300x225.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-768x576.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-2048x1536.jpg 2048w\" data-sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" style=\"--smush-placeholder-width: 800px; --smush-placeholder-aspect-ratio: 800\/600;\" \/><noscript><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-34977\" src=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-scaled-298x224.jpg 298w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-300x225.jpg 300w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-768x576.jpg 768w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20211109_Claire-Juchat_SOS-MEDITERRANEE_063352-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/noscript><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*Der Name wurde ge\u00e4ndert, um die Identit\u00e4t der \u00dcberlebenden zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die Aussagen wurden am 8. November gesammelt und von dem kulturellen Vermittler an Bord \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maha* ist 48 Jahre alt und stammt aus Damaskus, Syrien. Sie wurde zusammen mit ihrem achtj\u00e4hrigen Sohn am 4. November aus einem \u00fcberf\u00fcllten Holzboot gerettet. Claire, Kommunikationsverantwortliche von SOS MEDITERRANEE auf der Ocean Viking, schreibt \u00fcber die Begegnung mit Maha. &nbsp; &#8222;Mein Mann ist letztes Jahr bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen. 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