{"id":33704,"date":"2021-10-27T11:10:38","date_gmt":"2021-10-27T09:10:38","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=33704"},"modified":"2021-11-25T16:09:43","modified_gmt":"2021-11-25T15:09:43","slug":"zidane-1","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/zidane-1\/","title":{"rendered":"\u201cJahrelang von einem Ort zum n\u00e4chsten fliehen zu m\u00fcssen \u2013 das ist ein langsamer Tod.\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Zidane* ist 31 Jahre alt und aus dem Jemen. Er wurde zusammen mit 105 anderen \u00dcberlebenden aus einem Holzboot in Seenot gerettet. 17 Stunden verbrachte, er im Frachtraum des Bootes \u2013 unter Deck zusammengepfercht mit etwa 24 anderen Menschen, unf\u00e4hig sich aufzusetzen.<\/em><\/p>\n<p><em>Insgesamt rettete unsere Crew zwischen dem 31. Juli und dem 1. August 2021 555 Menschen.<\/em><\/p>\n<p><strong>Immer auf der Flucht<\/strong><\/p>\n<p>\u201eZuerst bin ich auf einem Viehtransporter nach Dschibuti geflohen. Das hat fast zw\u00f6lf Stunden gedauert. Ich erinnere mich, das war am 1. Mai 2015.\u201c<br \/>\n\u201eDamals gab es viele jemenitische Fl\u00fcchtlinge in Dschibuti. Dschibuti liegt so nah am Jemen, dass wir die Bomben vom Fl\u00fcchtlingslager aus h\u00f6ren konnten. Wir lebten in st\u00e4ndiger Angst. Kinder versuchten wegzulaufen, weil sie dachten, dass das Lager bombardiert w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas Lager war nicht sicher. Es gab keine richtige Versorgung, keine Arbeit, keine Toiletten. Wilde Tiere streiften nachts umher. Ich sah mit meinen eigenen Augen, wie die Menschen verr\u00fcckt wurden. Ein Mann hat sich vor meinen Augen selbst angez\u00fcndet. Die Wunden, die er davontrug, wurden nie behandelt. Kurz darauf z\u00fcndete er sich erneut an und starb.\u201c<\/p>\n<p>Zidanes Reise f\u00fchrte ihn von Dschibuti nach \u00c4thiopien, in den Sudan, in die Vereinigten Arabischen Emirate, zur\u00fcck nach Dschibuti und schliesslich nach Libyen. Er erkl\u00e4rt, dass er versucht hat, f\u00fcr die Einreise nach Libyen ein Visum zu beantragen. Dieses wurde aber abgelehnt.<\/p>\n<p>\u201eWenn ich anfange zu erz\u00e4hlen, was ich erlebt habe, werde ich niemals aufh\u00f6ren. In \u00c4thiopien wurde ich 65 Tage lang inhaftiert, weil man mich f\u00fcr einen Schmuggler hielt. Dort habe ich Menschen mit Folterspuren gesehen. Ich kann nicht alles beschreiben, was ich beobachtet habe. Ich bin Schriftsteller: W\u00e4hrend ich von einem Ort zum anderen fl\u00fcchtete, h\u00f6rte ich mir immer die Geschichten der Menschen an, die etwas erz\u00e4hlen wollten. Dass ich ihre Geschichten bezeugen und erinnern kann, war alles was ich f\u00fcr sie tun konnte. Aber ich schaffe es nicht, mich mit meiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eManchmal musste man einen Schmuggler bezahlen, um innerhalb eines Landes von einem Ort zum anderen zu gelangen. Auf meiner Reise wurde ich von jedem dieser Schmuggler gefoltert, geschlagen und gedem\u00fctigt. Sie tun alle das Gleiche, nur auf unterschiedliche Art und Weise.\u201c<\/p>\n<p><strong>Auf dem Meer<\/strong><\/p>\n<p>\u201eAls wir in das Boot [in Libyen] stiegen, schlugen die Schmuggler jeden. Sie hatten Pistolen, die gr\u00f6sser waren als mein Arm. Wenn ich jetzt dar\u00fcber spreche, weiss ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Es kommt mir so unwirklich vor, wie in einem Videospiel.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUns gingen schnell Wasser und Treibstoff aus. Wir hatten kein Satellitentelefon und konnten niemanden kontaktieren. Irgendwann sahen wir ein leeres Boot mitten auf dem Meer. Vielleicht habt ihr die Menschen gerettet, vielleicht wurden sie aber auch nach Libyen zur\u00fcckgebracht. In dem leeren Boot entdeckten wir kleine Wasserflaschen und einen Benzinkanister. Also fuhren wir weiter und beteten. Wir beteten und beteten, und Gott sei Dank habt ihr uns gefunden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Sterben oder die Chance auf ein neues Leben<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch wurde in das Immigrant*innen-Leben hineingeboren. Als ich klein war, floh mein Vater mit mir aus dem Irak. Ich sage immer: Ein schneller Tod ist besser als ein langsamer. Jahrelang von einem Ort zum n\u00e4chsten fliehen zu m\u00fcssen \u2013 das ist ein langsamer Tod. Ich musste eine Entscheidung treffen: Entweder w\u00fcrde ich auf dem Meer sterben oder die Chance auf ein neues Leben bekommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eViele Menschen haben ihre H\u00e4nde, ihre Beine, ihren Verstand, ihr Leben verloren. Ich habe noch alles, ich habe noch mein Leben. Wenn ich die Geschichten anderer Menschen h\u00f6re, f\u00fchle ich mit. F\u00fcr mich selbst habe ich diese Gef\u00fchle nicht. Ja, ich bin Schriftsteller, aber ich m\u00f6chte den Menschen auf eine praktischere, greifbarere Weise helfen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigen Sie sich nicht bei mir, sondern bei meinem Land, das es nicht mehr gibt.\u201c<\/p>\n<p>***<br \/>\n*Der Name wurde ge\u00e4ndert, um die Anonymit\u00e4t der \u00dcberlebenden zu sch\u00fctzen.<br \/>\nBildnachweis: Flavio Gasperini \/ SOS MEDITERRANEE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zidane* ist 31 Jahre alt und aus dem Jemen. Er wurde zusammen mit 105 anderen \u00dcberlebenden aus einem Holzboot in Seenot gerettet. 17 Stunden verbrachte, er im Frachtraum des Bootes \u2013 unter Deck zusammengepfercht mit etwa 24 anderen Menschen, unf\u00e4hig sich aufzusetzen. Insgesamt rettete unsere Crew zwischen dem 31. Juli und dem 1. 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