{"id":32519,"date":"2019-11-06T10:11:48","date_gmt":"2019-11-06T09:11:48","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=32519"},"modified":"2022-03-09T07:41:32","modified_gmt":"2022-03-09T06:41:32","slug":"17-stimmen-der-geretteten-ich-habe-angst-ich-weiss-was-uns-mit-der-nivin-widerfahren-ist","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/17-stimmen-der-geretteten-ich-habe-angst-ich-weiss-was-uns-mit-der-nivin-widerfahren-ist\/","title":{"rendered":"\u201eIch habe Angst! Ich weiss, was uns mit der Nivin widerfahren ist.\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-container\">\n<p>Jeden Abend versuchen die Teams von SOS MEDITERRANEE und \u00c4rzte ohne Grenzen etwas Ruhe auf der Ocean Viking einkehren zu lassen, um \u00fcber die grobe Einhaltung eines strukturierten Tagesablaufs etwas Normalit\u00e4t herzustellen. So auch am 19. August: w\u00e4hrend sich die Menschen langsam f\u00fcr die Nacht fertigmachen, n\u00e4hert sich mir ein junger Mann. Sein Name ist Moussa und er will mir seine Geschichte erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Moussa ist 18 Jahre alt und kommt aus dem Sudan. Er war erst 16 Jahre alt, als er den Sudan verliess und in Libyen landete, wo er sofort gefangen genommen und in das Haftlager Beni Waled gebracht wurde. \u201e<em>Sechs Monate war ich dort eingesperrt, wurde mit Stromschl\u00e4gen gefoltert und wiederholt geschlagen\u201c, erz\u00e4hlt Moussa. \u201eErst als ich genug Geld aufbringen konnte, wurde ich frei gelassen<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Moussa entschied dann, nach Tripolis zu gehen. Auf dem ber\u00fcchtigten \u201eJobplatz\u201c fand er Arbeit auf dem Hof einer libyschen Familie. Doch den Lohn f\u00fcr seine Arbeit bekam er nie zu Gesicht. Nach mehreren Monaten gelang es ihm, von dem Hof zu entkommen. \u201eDas war der Moment, an dem ich entschied, Libyen zu verlassen.\u201c<\/p>\n<p>Im November 2018 versuchte er zum ersten Mal \u00fcber das Mittelmeer zu entkommen.<\/p>\n<p>\u201e<em>Wir waren 32 Stunden lang auf dem Wasser. Wir hatten Essen und Wasser aufgebraucht und begannen zu verzweifeln. Dann hat uns ein grosses Schiff gerettet<\/em>\u201c, erkl\u00e4rt er.<\/p>\n<p>\u201e<em>Sie sagten, sie w\u00fcrden uns nach Sizilien bringen. Aber sie haben uns mit in den Hafen von Misurata in Libyen genommen<\/em>\u201c, fl\u00fcsterte Moussa.<\/p>\n<p>Moussa und die anderen 81 \u00dcberlebenden wurden, 115 Meilen n\u00f6rdlich von Tripolis, vom Frachtschiff \u201eNivin\u201c* abgefangen. Die Erinnerung an diesen Tag holt ihn an Bord der Ocean Viking ein, wo die lange Wartezeit auf die Zuweisung eines sicheren Ortes \u00c4ngste bei allen Geretteten an Bord sch\u00fcrt.<\/p>\n<p>Die \u201eNivin\u201c blieb fast zwei Wochen im Hafen von Misurata. Die Menschen weigerten sich von Bord zu gehen. \u201eLieber w\u00e4ren wir gestorben, als nach Libyen zur\u00fcck zu m\u00fcssen\u201c, erkl\u00e4rt Moussa.<\/p>\n<p>\u201e<em>Ich hatte Angst, das Schiff zu verlassen, weil ich wusste, was mich in Libyen erwarten w\u00fcrde. Aber eines Tages kamen die libyschen Regierungstruppen an Bord und brachten uns gewaltsam hinaus<\/em>\u201c, sagt Moussa.<\/p>\n<p>Moussa wusste, was folgen w\u00fcrde. Er und die anderen \u00dcberlebenden wurden an einem Ort inhaftiert, an dem die Nahrung unzureichend war, das Wasser nur aus Salzwasser bestand und Schl\u00e4ge an der Tagesordnung waren. \u201e<em>Die Wachen liessen auch Menschen von ausserhalb in das Lager, die dann einige von uns ausw\u00e4hlten, um den ganzen Tag f\u00fcr sie zu arbeiten, bevor sie uns in der Nacht zur\u00fcck brachten<\/em>\u201c, f\u00fcgt Moussa hinzu. So gelang es ihm, nach sieben Monaten Haft, Folter und Ausbeutung, erneut zu fliehen.<\/p>\n<p>\u201e<em>Ich kenne Menschen, die immer noch dort sind<\/em>\u201c, erg\u00e4nzt er besorgt.<\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter floh Moussa zum zweiten Mal \u00fcber das Meer. Nach 16 Stunden in einem Schlauchboot auf See, wurde er von den Teams der Ocean Viking gerettet.<\/p>\n<p>\u201e<em>Ich habe Angst. Ich weiss, was uns mit der \u201eNivin\u201c widerfahren ist. Wir werden nach Libyen zur\u00fcckgebracht<\/em>\u201c, sagt Moussa mit entsetztem Gesicht.<\/p>\n<p>Meine Antwort darauf war folgende: \u201e<em>Ich weiss, es ist schwer f\u00fcr dich, mir zu glauben, nach allem, was du durchgemacht hast. Aber ich schw\u00f6re dir, dass du jetzt in Sicherheit bist und wir dich auf keinen Fall jemals nach Libyen zur\u00fcckbringen werden.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Text und Foto: Avra Fialas \/ SOS MEDITERRANEE \u2013 an Bord der Ocean Viking<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"share-buttons\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Abend versuchen die Teams von SOS MEDITERRANEE und \u00c4rzte ohne Grenzen etwas Ruhe auf der Ocean Viking einkehren zu lassen, um \u00fcber die grobe Einhaltung eines strukturierten Tagesablaufs etwas Normalit\u00e4t herzustellen. So auch am 19. August: w\u00e4hrend sich die Menschen langsam f\u00fcr die Nacht fertigmachen, n\u00e4hert sich mir ein junger Mann. 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