{"id":32488,"date":"2020-03-07T15:22:31","date_gmt":"2020-03-07T14:22:31","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=32488"},"modified":"2022-03-08T23:33:49","modified_gmt":"2022-03-08T22:33:49","slug":"28-stimmen-der-geretteten-ich-kann-nicht-akzeptieren-dass-man-das-meinem-kind-antut","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/28-stimmen-der-geretteten-ich-kann-nicht-akzeptieren-dass-man-das-meinem-kind-antut\/","title":{"rendered":"\u201eIch kann nicht akzeptieren, dass man das meinem Kind antut.\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Maimouna* ist 17 Jahre alt. Sie, ihr Ehemann und das gemeinsame achtzehnmonatige Kleinkind geh\u00f6ren zu den 274 Menschen, die w\u00e4hrend der letzten drei Eins\u00e4tze der Ocean Viking am 18. und 19. Februar 2020 von der Besatzung gerettet worden sind.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch bin aus der Elfenbeink\u00fcste geflohen, um meine anderthalbj\u00e4hrige Tochter vor der Genitalverst\u00fcmmelung zu bewahren. Ich wollte nicht, dass sie dasselbe Schicksal erleidet wie ich, denn in unserer Heimat ist Beschneidung Tradition. Weil ich weiss, wie sehr man darunter leidet, habe ich der Beschneidung nicht zugestimmt. Das war nicht leicht f\u00fcr uns. Mein Mann wollte ebenfalls nicht, dass unsere Tochter beschnitten wird, aber auch seine Familie wollte das nicht akzeptieren.<\/p>\n<p>Die Vergangenheit ist die Vergangenheit, aber heutzutage muss man es nicht mehr hinnehmen, dass Frauen beschnitten werden. Ich leide sehr darunter. Wenn ich mit meinem Mann zusammen bin, habe ich oft Schmerzen dabei. Ich will meiner Tochter so etwas nicht antun. Auch mein Mann ist gegen eine Beschneidung seiner Tochter, weil er weiss, wie sehr ich darunter leide.<br \/>\nMein Mann ist ein guter Mensch. Er hat mir den Mut gegeben zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Zuerst wollten wir nach Algerien, aber da wurden wir an der Grenze abgewiesen, also sind wir weiter nach Libyen. In Libyen gibt es so viele Gef\u00e4ngnisse! [<em>Anmerkung: Maimouna spricht hier von den Internierungslagern.<\/em>] Wir waren mehrmals im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Bei unserer Ankunft habe ich meine Eltern kontaktiert. Aber sie wollten uns kein Geld schicken, um uns zu helfen, weil sie nicht damit einverstanden waren, dass wir die Beschneidung unserer Tochter verhindert hatten.<\/p>\n<p>Im Gef\u00e4ngnis schlug man uns. Wir bekamen nicht genug zu essen. Wir haben sehr gelitten. Die Frauen wurden dort schlecht behandelt. Oft packt dich irgendein Mann, den du noch nie gesehen hast, und vergewaltigt dich. Wenn du dich wehrst, bringt er dich um. Du kannst nichts tun. Du hast keine Chance.<\/p>\n<p>Oft wurde mein Mann grundlos festgenommen und musste Geld zahlen, um wieder freizukommen. Er hat viel Zeit in Gef\u00e4ngnissen verbracht, auch mit uns zusammen. Meist blieb man drei bis f\u00fcnf Monate im Gef\u00e4ngnis. In Libyen konnte ich meine Tochter nicht zu Hause lassen, ich war immer mit ihr unterwegs, und so war sie auch dabei, wenn ich festgenommen wurde. Ich war dreimal mit ihr zusammen im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Wenn mein Mann nicht eingesperrt war, hat er versucht zu arbeiten. Mit seinem Lohn haben wir uns aus dem Gef\u00e4ngnis freigekauft. Er hat auf dem Bau gearbeitet. Das musste er tun, um seine Familie zu ern\u00e4hren. F\u00fcr Frauen ist es in Libyen schwer, Arbeit zu finden. Aber es nicht alle Menschen in Libyen sind schlecht. Manchmal wurde mein Mann f\u00fcr seine Arbeit bezahlt. Aber oft arbeitete er und bekam keinen Lohn.<\/p>\n<p><strong>Die Entscheidung, das Mittelmeer zu \u00fcberqueren, ist uns nicht leichtgefallen. Ich hatte grosse Angst. Das war unser vierter Versuch. Jedes Mal, wenn wir aufgegriffen wurden, haben sie uns mit unserem Kleinkind eingesperrt, dabei war unsere Tochter erst wenige Monate alt.<br \/>\nMan hat uns geschlagen. Aber wir hatten keine Wahl, als \u00fcber das Meer zu fliehen. Wir konnten nicht nach Hause zur\u00fcck. Wenn wir in unsere Heimat zur\u00fcckgekehrt w\u00e4ren, w\u00e4re unsere Tochter beschnitten worden.<\/strong><\/p>\n<p>Man hat uns zwischen 22 und 23 Uhr aufs Meer geschickt. [<em>Anmerkung: die Rettung fand am n\u00e4chsten Tag, am Mittwoch dem 19. Februar 2020, zwischen 10 Uhr 30 und 12 Uhr 45 statt.<\/em>] K\u00f6nnen Sie sich das vorstellen, eine so lange Zeit auf dem Wasser? Wir haben gebetet. Wir haben geweint, die ganze Zeit geweint. Und das mit den Kindern. Es war unertr\u00e4glich. Es geht einem dabei alles M\u00f6gliche durch den Kopf. Man kann auf dem Meer sterben. Mir w\u00e4re es jedenfalls lieber gewesen, zu ertrinken, als von den Libyern verhaftet zu werden. [Anmerkung: Maimouna spricht hier von der libyschen K\u00fcstenwache.] Wenn die dich aufgreifen, misshandeln sie dich.<\/p>\n<p>Es ist nicht einfach, das Meer zu \u00fcberqueren, besonders nicht in einem so kleinen Boot. Aber wir hatten keine Wahl. Jeder Mensch hat ein anderes Leben. Ich musste es auf diese Weise versuchen. Ich will nicht, dass meine Tochter ebenfalls beschnitten wird. F\u00fcr mein Kind tue ich alles. Meiner Meinung nach muss eine Mutter f\u00fcr ihr Kind k\u00e4mpfen. Mein Mann glaubt das auch. Er sagt: \u201eWas meiner Frau passiert ist, darf nicht auch meinem Kind passieren.\u201c\u00a0<strong>Wir sind beide bereit zu sterben, um unsere Tochter zu besch\u00fctzen. F\u00fcr sie haben wir das alles auf uns genommen. Um sie zu besch\u00fctzen<\/strong>.\u201c<\/p>\n<p>***<br \/>\nInterview: Laurence Bondard, Communication Officer an Bord der Ocean Viking \/\/ Februar 2020<br \/>\n\u00dcbersetzung: aus dem Franz\u00f6sischen von Jochen Matthies, Lektorat: Sonja Finck<br \/>\nPhoto credits: Anthony Jean \/ SOS MEDITERRANEE<\/p>\n<p>*Der Name wurde ge\u00e4ndert, um die Anonymit\u00e4t der Geretteten zu wahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maimouna* ist 17 Jahre alt. Sie, ihr Ehemann und das gemeinsame achtzehnmonatige Kleinkind geh\u00f6ren zu den 274 Menschen, die w\u00e4hrend der letzten drei Eins\u00e4tze der Ocean Viking am 18. und 19. Februar 2020 von der Besatzung gerettet worden sind. \u201eIch bin aus der Elfenbeink\u00fcste geflohen, um meine anderthalbj\u00e4hrige Tochter vor der Genitalverst\u00fcmmelung zu bewahren. 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