{"id":32459,"date":"2020-06-01T13:02:21","date_gmt":"2020-06-01T11:02:21","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=32459"},"modified":"2022-03-08T23:22:22","modified_gmt":"2022-03-08T22:22:22","slug":"yussif","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/yussif\/","title":{"rendered":"[STIMMEN DER GERETTETEN] \u201eDas Haus durfte ich nicht verlassen. Nie!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Yussif* ist 17 Jahre alt, aus Somalia und ist ohne Begleitperson an Bord der Ocean Viking gekommen. Am 19. Februar 2020 wurde er von unseren Teams von einem Schlauchboot in Seenot gerettet.<\/strong><\/p>\n<p>\u201cIch hei\u00dfe Yussif. Ich komme aus Somalia und bin 17 Jahre alt. Ich wei\u00df nicht, wie ich eigentlich nach Libyen gekommen bin. Es war nie mein Plan, dort zu landen. Ich habe nicht verstanden was passiert ist. Ich wei\u00df noch nicht einmal genau, wie lange ich dort war. Ich wei\u00df blo\u00df, dass ich 2018 nach Libyen kam und dass es jetzt 2020 ist. Also habe ich ungef\u00e4hr 2 Jahre dort verbracht, vielleicht etwas weniger.<\/p>\n<p>Als ich j\u00fcnger war, musste ich mehrmals vor den Shahab aus meinem Heimatdorf in Somalia fliehen. Meine Gro\u00dfmutter nahm mich aus unserem Dorf mit, als ich noch klein war, weil sie wollte, dass ich zur Schule gehe. Doch einige Jahre sp\u00e4ter kehrte ich zu meinen Eltern zur\u00fcck. Manchmal kamen die Terroristen in unser Dorf und in ihrer Anwesenheit konnten wir unsere H\u00e4user nicht verlassen. Die Menschen verlie\u00dfen ihre H\u00e4user nur, um Lebensmittel zu besorgen. Aber selbst das war sehr gef\u00e4hrlich. Vor meiner Ankunft in Libyen lebte ich bei einer Gruppe von M\u00e4nnern, die mir Englisch beibrachten. Ich lebte mit ihnen, weil sie Englischlehrer waren und ich so viel lernen wollte wie m\u00f6glich. Sie sagten mir, dass Englisch \u00fcberall auf der Welt n\u00fctzlich sei. Manchmal bezahlte ich sie, manchmal wurde ich umsonst unterrichtet.<\/p>\n<p>Bevor wir nach Libyen gingen, mussten wir einmal mehr vor den Shahab fliehen. Wir nahmen ein Auto und diesmal sagten sie mir, dass wir etwas weiter fliehen w\u00fcrden; dass es besser f\u00fcr uns sei. Ich dachte, sie meinten ein paar D\u00f6rfer weiter, aber ich wei\u00df nicht was passierte, auf einmal waren wir in Libyen und wurden in ein Gef\u00e4ngnis gebracht.<\/p>\n<p>Im Gef\u00e4ngnis wurden die Menschen jeden Tag geschlagen. Es war nicht leicht. Ich war dort vier oder f\u00fcnf Monate. Und eines Tages entschloss ich, gemeinsam mit einigen Freunden, davonzulaufen. Wir liefen alle in verschiedene Richtungen \u2013 ich wei\u00df nicht, wo sie jetzt sind. Ich lief und lief und lief eine sehr lange Zeit, bis ich ersch\u00f6pft war. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Ich war so m\u00fcde, dass ich auf offener Stra\u00dfe kollabierte und dort, auf der Stra\u00dfe, liegenblieb, um mich auszuruhen. Ich wusste nicht wo ich war. Ein Libyer sah mich, kam zu mir und fragte mich, was mit mir los sei. Ich antwortete nicht. Ich stellte mich vor lauter Angst tot. Doch dann bot er mir Essen und Hilfe an.<\/p>\n<p>Wir gingen zu ihm nach Hause, wo ich ungef\u00e4hr anderthalb Jahre blieb. Ich erledigte die Hausarbeit f\u00fcr ihn; das Haus durfte ich nicht verlassen. Nie! In dieser ganzen Zeit verlie\u00df ich das Haus kein einziges Mal. Ich war wie sein Sklave. Ich wei\u00df nicht in welcher Stadt das war. Durch die Fenster konnte ich nur ein paar andere H\u00e4user in der Umgebung sehen.<\/p>\n<p>Mit meinen Eltern habe ich, seitdem ich nach Libyen gebracht wurde, nicht mehr gesprochen. Ich wei\u00df nicht wo sie sind oder wie es ihnen geht. Ich hoffe, dass ich sie anrufen kann, sobald ich an einem sicheren Ort bin.<\/p>\n<p>Viele Dank, f\u00fcr all das, was ihr f\u00fcr uns getan habt und alles, das ihr tut. Ihr leistet tolle Arbeit. Vielleicht werde ich eines Tages Retter. Das w\u00fcrde mir gefallen.<\/p>\n<p>In Somalia hatte ich \u00fcberlegt, Informatiker zu werden. Es ist die einzige Perspektive, die uns vorgeschlagen wird. In meiner Heimat sagen sie, es sei das einzige was heutzutage Sinn mache. Aber jetzt werde ich vielleicht andere M\u00f6glichkeiten entdecken. Ich m\u00f6chte so viel lernen wie ich nur kann.\u201c<\/p>\n<p>***<br \/>\nInterview: Laurence Bondard, Communication Officer an Bord der Ocean Viking \/\/ Februar 2020<br \/>\nPhoto credits: Anthony Jean \/ SOS MEDITERRANEE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yussif* ist 17 Jahre alt, aus Somalia und ist ohne Begleitperson an Bord der Ocean Viking gekommen. Am 19. Februar 2020 wurde er von unseren Teams von einem Schlauchboot in Seenot gerettet. \u201cIch hei\u00dfe Yussif. Ich komme aus Somalia und bin 17 Jahre alt. Ich wei\u00df nicht, wie ich eigentlich nach Libyen gekommen bin. 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