{"id":32453,"date":"2020-07-14T12:11:29","date_gmt":"2020-07-14T10:11:29","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=32453"},"modified":"2021-07-29T12:12:48","modified_gmt":"2021-07-29T10:12:48","slug":"38-2","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/38-2\/","title":{"rendered":"[3 FRAGEN AN] Mary, Teil des Such- und Rettungsteams"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eDa ich oft eine der einzigen Frauen auf den RHIBs bin, sp\u00fcre ich die Verbindung besonders, wenn wir Frauen und Kinder retten. Oft sind sie so erleichtert, dass sie ihre Arme um mich schlingen, weinen und uns ausgiebig danken.\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Im September 2016 wurde Mary mit gerade mal 19 Jahren Teil des Such- und Rettungsteams auf der Aquarius und verbrachte sechs Monate an Bord. Gerade hat sie das erste Jahr ihres Hebammenstudiums abgeschlossen; die Entscheidung dazu traf sie w\u00e4hrend ihrer Zeit auf der Aquarius. Sie beschloss, sich w\u00e4hrend ihrer Semesterferien erneut dem Team von SOS MEDITERRANEE anzuschliessen \u2013 diesmal auf der Ocean Viking. Im Interview berichtet sie von den Vorbereitungen zur R\u00fcckkehr in den lebensrettenden Einsatz und von pr\u00e4genden Erlebnissen aus ihrer Zeit auf der Aquarius.<\/em><\/p>\n<p><strong>Was hat Dich dazu bewogen, in Zeiten der COVID-19-Pandemie an Bord der Ocean Viking zu gehen?<\/strong><\/p>\n<p>Trotz der globalen Pandemie riskieren immer noch Menschen ihr Leben, um aus Libyen zu fliehen. Sie m\u00fcssen gerettet werden, um zu leben. Auch wenn wir \u00fcberall auf der Welt die Auswirkungen des Shutdowns auf unser t\u00e4gliches Leben gesehen haben \u2013 Menschen, die von zu Hause aus arbeiten, Gesch\u00e4fte, Caf\u00e9s und Bars, die geschlossen sind, eingeschr\u00e4nkte Bewegungsfreiheit und so viele andere Vorsichtsmassnahmen -, gibt es Dinge, die einfach nicht l\u00e4nger warten k\u00f6nnen. SOS MEDITERRANEE war seit einigen Monaten aufgrund von Unterbrechungen im maritimen Sektor nicht im Einsatz. Eine Zeit, in der die Organisation auch ihre Protokolle an den gesundheitlichen Kontext anpassen musste. Jetzt sind wir bereit, unter bestm\u00f6glichen Sicherheitsbedingungen f\u00fcr Besatzung und Gerettete in den Einsatz zur\u00fcckzukehren. Die damit verbundenen logistischen Herausforderungen sind enorm und kompliziert. Doch sobald wir sie gemeistert haben, ist es unsere Pflicht gegen\u00fcber denjenigen, die jeden Tag, unabh\u00e4ngig von der Pandemie, in Gefahr leben und ihr Leben riskieren, um sich in Sicherheit zu bringen, unseren Einsatz wieder aufzunehmen. Ich bin zuversichtlich, dass wir in diesen schwierigen Zeiten auf Rettungen vorbereitet sind und dass so viele Vorkehrungen wie m\u00f6glich getroffen werden, um unsere Besatzung und die geretteten Menschen zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Du bist insgesamt sechs Monate lang Teil des Rettungsteams an Bord der Aquarius gewesen \u2013 in den Jahren 2016 und 2017. Was ist f\u00fcr Dich der schwierigste Teil einer Rettungsaktion?<\/strong><\/p>\n<p>Der schwierigste Aspekt einer Rettung ist das Unbekannte. Jede Rettung kann sich jederzeit zum Schlimmsten wenden; darauf m\u00fcssen wir alle vorbereitet sein. Es hat noch nie eine Rettung gegeben, bei der ich selbst nicht die ganze Zeit zumindest leicht nerv\u00f6s war. Solange nicht jede einzelne Person an Bord und damit in Sicherheit ist, sind die Menschen aufgrund der \u00fcberf\u00fcllten und nicht seet\u00fcchtigen Boote, in denen sie sich auf hoher See befinden, in Gefahr. Es ist immer wieder \u00fcberraschend zu h\u00f6ren, dass die meisten von ihnen nicht wissen, wie weit Italien wirklich von Libyen entfernt ist. Viele von ihnen erz\u00e4hlten mir, dass sie von den Schmugglern angewiesen wurden zu den \u00d6lplattformen vor der libyschen K\u00fcste zu fahren, und am Morgen w\u00fcrden sie dort sein\u2026 in Italien! Sobald wir Kurs auf einen sicheren Ort nehmen, sind sie schockiert wie gross die Entfernung eigentlich ist und kommen zu der Erkenntnis, dass sie es in ihren Botten nie geschafft h\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong>Wie stellt man eine Verbindung zu den Menschen in Not her, bevor man sie an Bord der schnellen Rettungsboote (RHIBs) in Sicherheit bringt?<\/strong><\/p>\n<p>Bei der ersten Ann\u00e4herung an die Boote in Seenot, erkl\u00e4rt einer unserer Retter*innen wer wir sind, was wir tun werden und dass die Menschen an Bord Ruhe bewahren und den Anweisungen Folge leisten sollen. Als Besatzungsmitglied auf den RHIBs ist es wichtig, die Kommunikationslinie zwischen den Menschen und dem\/der Ansprechpartner*in nicht zu st\u00f6ren \u2013 doch wir sind die Augen im R\u00fccken. Es ist wichtig, einen Gesamt\u00fcberblick \u00fcber die Situation zu behalten und in der Lage zu sein, m\u00f6gliche Probleme zu erkennen. Da ich oft eine der einzigen Frauen auf den RHIBs bin, sp\u00fcre ich die Verbindung besonders, wenn wir Frauen und Kinder retten. Oft sind sie so erleichtert, dass sie ihre Arme um mich schlingen, weinen und uns ausgiebig danken. Ich habe in diesen Momenten sogar Geschenke von Frauen erhalten! Eine Frau schenkte mir eine Halskette als Zeichen ihrer Dankbarkeit! Das hat mich wirklich ber\u00fchrt, denn diese Menschen sind mit nichts als der Kleidung auf dem R\u00fccken geflohen. Die Rettung war ihre einzige Hoffnung auf Leben, es ist ein bedeutsamer Moment! Manchmal sind die Menschen \u00e4usserst kooperativ und machen die Rettung einfacher, reibungsloser und sicherer. Schwierigere Bedingungen f\u00fchren jedoch oft zu mehr Panik und Stress, was bei einer Rettung immer ein Grund zur Sorge ist. Besonders bei n\u00e4chtlichen Rettungen von Booten steigen Anspannung und Stress. Es ist einfach schwieriger, eine gute Verbindung zu den Menschen herzustellen, weil \u00fcberall Taschenlampen unser Gesicht und unsere K\u00f6rpersprache blockieren \u2013 es ist erstaunlich, was ein L\u00e4cheln bewirken kann!<\/p>\n<p>***<br \/>\nInterview: Laurence Bondard<br \/>\nPhoto credits: Patrick Bar \/ SOS MEDITERRANEE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDa ich oft eine der einzigen Frauen auf den RHIBs bin, sp\u00fcre ich die Verbindung besonders, wenn wir Frauen und Kinder retten. 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