{"id":32447,"date":"2020-07-17T12:02:03","date_gmt":"2020-07-17T10:02:03","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=32447"},"modified":"2021-07-29T12:03:30","modified_gmt":"2021-07-29T10:03:30","slug":"anne","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/anne\/","title":{"rendered":"[3 FRAGEN AN] Anne, \u00c4rztin an Bord der Ocean Viking"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Juni und Juli 2020 war Anne beim ersten Einsatz der Ocean Viking mit einem voll integrierten, eigenen SOS MEDITERRANEE-\u00c4rzteteam als \u00c4rztin an Bord. Bei diesem Einsatz wurde die psychische Not einer Gruppe von \u00dcberlebenden so stark, dass einige von ihnen einen Suizidversuch unternahmen und sich selbst und anderen Schaden zuzuf\u00fcgen drohten. Daraufhin unternahm das Team an Bord den beispiellosen Schritt, den Notstand auf dem Schiff auszurufen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Welche k\u00f6rperlichen Beschwerden hatten die Geretteten, als ihr sie an Bord aufgenommen habt?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEinige der geretteten Menschen waren bis zu vier Tage auf See. Sie litten unter Seekrankheit, Dehydrierung, psychischer sowie physischer Belastung und Ersch\u00f6pfung, starkem Sonnenbrand sowie unter den schweren psychologischen Folgen der Ungewissheit, ob sie in den bis zu vier Tagen und N\u00e4chten auf hoher See am Leben bleiben oder sterben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass viele von ihnen in ihren Herkunftsl\u00e4ndern, in Libyen und auf ihrem bisherigen Weg, stark gelitten hatten. Gerettete berichteten von Zwangshaft, Entf\u00fchrungen, Schl\u00e4gen und Folter durch ihre Entf\u00fchrer. Einige von ihnen hatten alte Traumata (Quetschungen nach Schl\u00e4gen, Verbrennungsnarben, Gelenktraumata aufgrund von erzwungener und lang andauernder K\u00f6rperhaltung oder Folgen unzureichender Behandlungen von Verletzungen wie gebrochener Beine oder F\u00fcsse), einige hatten auch k\u00f6rperliche Verletzungen aufgrund der harten Zwangsarbeit, der sie in Libyen ausgesetzt waren. Infolge fehlenden Zugangs zu medizinischer Versorgung oder Medikamenten leiden viele \u00dcberlebende an chronischen Krankheiten. Einige hatten auch Beschwerden, die auf die jeweiligen Lebensumst\u00e4nde zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, wie z.B. Abszesse, die einen chirurgischen Eingriff erforderten, infekti\u00f6se Hautkrankheiten und Unterern\u00e4hrung.\u201d<\/p>\n<p><strong>Wie viele der 181 Geretteten zeigten Anzeichen, dass ihnen Gewalt widerfahren ist? Unter welchen psychologischen Bedingungen befanden sie sich nach den acht Tagen, die sie an Bord festsassen?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir sahen viele Patienten mit alten und neuen Verletzungen sowie schwer einzuordnende Anzeichen nicht sichtbarer Traumata, die auf ihrem bisherigen Weg verursacht wurden. Hierzu z\u00e4hlen zum Beispiel innere k\u00f6rperliche Traumata, die an Bord aufgrund fehlender medizinischer Diagnoseinstrumente (wie Laboruntersuchungen, R\u00f6ntgenaufnahmen usw.) nicht pr\u00e4zise beurteilt werden konnten, sowie psychologische Traumata (z.B. durch sexuelle Gewalt), die erst nach mehreren Wochen oder Monaten nach der Ausschiffung an Land identifiziert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>An Bord der Ocean Viking litten die Menschen unter psychologischem Stress. Zum einen resultierend aus der Nahtoderfahrung der teilweise Tage dauernden Flucht \u00fcber das Meer, zum anderen aufgrund des tagelangen Aufenthalts an Bord der Ocean Viking \u2013 ohne Informationen, ohne zu wissen, was als n\u00e4chstes mit ihnen geschehen w\u00fcrde. Einige bef\u00fcrchteten, dass sie gewaltsam nach Libyen zur\u00fcckgebracht werden w\u00fcrden. Der Stress wurde haupts\u00e4chlich durch das Unbekannte verursacht.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass unsere Besatzung keine Informationen erhielt und daher auch keine mit ihnen teilen konnte, erschwerte es, Vertrauen zu den \u00dcberlebenden aufzubauen, was zu starker psychischer Belastung f\u00fchrte. Die Ocean Viking soll Menschen f\u00fcr eine kurze Zeit sicher an Bord aufnehmen, bevor sie an einem sicheren Ort von Bord gehen k\u00f6nnen. Das Deck \u2013 auf dem die \u00dcberlebenden schlafen \u2013 ist nicht besonders komfortabel. Dort gab es nicht viel, mit dem sie sich besch\u00e4ftigen konnten und f\u00fcr die meisten von ihnen war ein erholsamer Schlaf unm\u00f6glich. Dies f\u00fchrte wiederum zu grosser Angst, denn die Menschen hatten nichts zu tun, ausser an traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit zu denken und sich um die Familien zu sorgen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Wie bist du \/ wie sind die Teams mit der Situation w\u00e4hrend des tagelangen Stand-Offs umgegangen?<\/strong><\/p>\n<p>Jeder Schritt wurde den \u00dcberlebenden an Bord erkl\u00e4rt, doch ihre Angst vor einer gewaltsamen R\u00fcckkehr nach Libyen war st\u00e4rker als unsere Worte. Obwohl wir sieben Anfragen nach einem sicheren Ort stellten, erhielten wir nichts weiter als zwei Ablehnungen und keine Informationen von den zust\u00e4ndigen Seebeh\u00f6rden. Das Einzige, was wir ihnen jeden Tag auf ihre Fragen antworten konnten war, dass wir unser Bestes tun w\u00fcrden, um rasch einen sicheren Hafen zu erhalten, dass wir aber trotz unserer zahlreichen Versuche, noch keine Informationen bekommen h\u00e4tten, die wir teilen k\u00f6nnten. Dies sch\u00fcrte die Frustration und erzeugte ein Mass an Verzweiflung, welches darin gipfelte, dass einige Menschen erwogen, sich selbst und andere zu verletzen. Ein weiterer Grund f\u00fcr den Stress war die fehlende M\u00f6glichkeit, Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen, die nicht wussten, ob sie noch leben oder tot sind. Es gab sechs Selbstmordversuche an Bord, mehrere Panikattacken, Menschen sprachen von Erstickungsgef\u00fchlen, es gab Anzeichen f\u00fcr Depressionen sowie Berichte, sich von der Dunkelheit \u00fcberw\u00e4ltigt zu f\u00fchlen. Einige \u00dcberlebende erz\u00e4hlten uns regelm\u00e4ssig, dass sie \u00fcber Bord springen wollen. Das \u00c4rzteteam reagierte mit psychologischer Erster Hilfe (PFA) und medizinischer Unterst\u00fctzung und Betreuung. Da wir jedoch die \u00e4usseren Umst\u00e4nde ihrer Notlage nicht \u00e4ndern konnten, waren wir in unseren Unterst\u00fctzungsangeboten eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Sogar gegen Ende des Ausharrens auf See waren die Menschen erneut gezwungen, mehr als 15 Stunden zu warten, w\u00e4hrend die Ocean Viking die Anweisung zur Hafeneinfahrt erhalten hatte und das Land schon in Sicht war. Nach der Erkl\u00e4rung des Notstands an Bord am Freitag, den 03. Juli, wurde tags darauf ein italienischer Arzt von den Beh\u00f6rden an Bord geschickt. Wieder einen Tag sp\u00e4ter f\u00fchrte ein medizinisches Team Covid-19-Tests durch. Dann folgte die Anweisung Kurs auf Sizilien zu nehmen und vor Porto Empedocle zu ankern, wo die Ocean Viking ab Montagmorgen auf weitere Anweisungen wartete. Erst zwischen Montag, dem 6. Juli, und Dienstag, dem 7. Juli, von23.40 Uhr bis 3.15 Uhr, konnten die Geretteten endlich von Bord gehen. Dieser letzte Tag und die halbe Nacht waren f\u00fcr sie erneut \u00e4usserst beunruhigend.\u201c<\/p>\n<p>***<br \/>\nPhoto credits: Flavio Gasperini \/ SOS MEDITERRANEE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Juni und Juli 2020 war Anne beim ersten Einsatz der Ocean Viking mit einem voll integrierten, eigenen SOS MEDITERRANEE-\u00c4rzteteam als \u00c4rztin an Bord. Bei diesem Einsatz wurde die psychische Not einer Gruppe von \u00dcberlebenden so stark, dass einige von ihnen einen Suizidversuch unternahmen und sich selbst und anderen Schaden zuzuf\u00fcgen drohten. 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