{"id":32368,"date":"2020-11-12T14:45:24","date_gmt":"2020-11-12T13:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=32368"},"modified":"2022-03-09T07:37:29","modified_gmt":"2022-03-09T06:37:29","slug":"stimmen-der-geretteten-esther","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/stimmen-der-geretteten-esther\/","title":{"rendered":"\u201eIch bin erst 17, ich m\u00f6chte leben!\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-container\">\n<p>Esther*, gerettet von SOS MEDITERRANEE<\/p>\n<p><strong>\u201eIch bin 17 Jahre alt und habe meine Familie in Ghana verlassen, weil in unserer muslimischen Tradition ein M\u00e4dchen den Sohn ihres Onkels v\u00e4terlicherseits heiraten muss. Das wollte ich aber nicht. Mein Wunsch war schon immer, zur Schule zu gehen.<\/strong>\u00a0Wenn du verheiratet bist, kannst du nicht studieren und nicht mal arbeiten. Als Frau ist es nicht leicht in Ghana. Du musst vor dem Schrein der Familie schw\u00f6ren, dass du heiraten und Kinder kriegen wirst. Wenn du das nicht machst, verflucht dich deine Familie und verst\u00f6sst dich. Meine Mutter wollte nicht, dass ich auf die Strasse gesetzt werde, aber mein Vater hat mir gesagt, dass ich umgebracht w\u00fcrde, wenn ich nicht den Mann heirate, den sie ausgesucht hatten. Er hat mich mit einem Riemen geschlagen, mir gedroht und geschrien: \u201eWenn du ihn nicht heiratest, t\u00f6te ich dich!\u201c<\/p>\n<p>Ich habe einen Bruder und zwei Schwestern, die beide mit M\u00e4nnern verheiratet sind, die mein Vater ausgesucht hat. Er hat mir verboten, sie zu sehen, bevor ich verheiratet bin. Mein Bruder hat ebenfalls versucht, mich zu \u00fcberzeugen. Er hat mich auch geschlagen, doch ich wusste, dass ich ein anderes Leben will.<\/p>\n<p>Meine Mutter konnte dazu nichts sagen. Sie wollte nicht, dass ich gehe, hat geweint und hatte Angst vor mir. Sie war krank und konnte nicht laufen, weil ihre Beine gel\u00e4hmt waren. Sie konnte sich meinem Vater noch nie widersetzen. Er hat mich geschlagen und gesagt, dass er nicht lange z\u00f6gern w\u00fcrde, mich erschiessen zu lassen, wenn ich nicht gehorche.<\/p>\n<p>Ich habe mein Land Ende Januar 2017 verlassen. Die Reise von Ghana nach Libyen hat drei Wochen gedauert. Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass es so schwierig wird. Aber die Reise \u00fcber das Meer war noch schlimmer als die W\u00fcste. Dort gibt es wenigstens Sand, aber auf See schubsen dich alle, du wirst zerdr\u00fcckt, und wenn du ins Wasser f\u00e4llst, kann dir keiner helfen, du stirbst einfach. Wenn in der W\u00fcste der Motor kaputtgeht kann man anhalten und ihn reparieren.<\/p>\n<p>Aber es ist gef\u00e4hrlich in der W\u00fcste anzuhalten. Wenn der Laster weiterf\u00e4hrt und du bist nicht wieder oben drauf, dann hilft dir keiner. Ich habe viele Leichen im Sand liegen sehen.<\/p>\n<p>An den Checkpoints wird jeder geschlagen, aber ich hatte nichts, was ich ihnen h\u00e4tte geben k\u00f6nnen. Ich habe versucht mich zu verstecken, damit sie mich nicht finden. Ich wollte auch nichts sehen oder h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Als wir in Tripoli ankamen, war mein einziger Gedanke, wie ich einen Job finden kann, um zur Schule gehen zu k\u00f6nnen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass die Situation sehr schwierig ist. Ich hatte oft Angst. Einmal habe ich eine starke Explosion gesp\u00fcrt: Eine Bombe war in einer Nebenstrasse explodiert und dann habe ich eine Gruppe Bewaffneter gesehen, die anfingen zu schiessen. Sie haben so viele Menschen umgebracht!<\/p>\n<p>In Tripoli wurde ich in ein grosses Haus gebracht, wo noch vierzig andere schwarze M\u00e4dchen wohnten, die auf Abruf arbeiteten, w\u00e4hrend sie auf ihre Abreise warteten. Ich habe im Haushalt einer Frau gearbeitet, die mich nie bezahlt hat. Wenn ich um Geld gebeten habe, hat sie mich geschlagen. Es war sehr frustrierend und st\u00e4ndig hatte ich Angst, dass mir etwas passiert. Manchmal konnte man Sch\u00fcsse und starke Explosionen h\u00f6ren. In diesem Haus habe ich etwas l\u00e4nger als einen Monat gelebt.<\/p>\n<p>Als ich die Lage in Tripoli gesehen habe, wusste ich, dass ich dort nicht bleiben kann. Ich hatte grosse Angst, weil ich wusste, dass ich weder bleiben noch zur\u00fcckgehen konnte. Beides h\u00e4tte meinen Tod bedeutet.<\/p>\n<p>Ich habe mich komplett verloren gef\u00fchlt.<\/p>\n<p><strong>Ich wusste \u00fcberhaupt nichts \u00fcber die Boote, die nach Europa fahren. Ich war ja nach Libyen gekommen, um zu arbeiten. \u00a0Aber eines nachts warf jemand eine Bombe gegen das Haus, in dem wir wohnten, und sp\u00e4ter kamen ein paar M\u00e4nner, die uns zum Abfahrtsort der Boote brachten.<\/strong>\u00a0Es war Nacht und ich konnte nichts sehen ausser den weissen Gummibooten, auf die wir stiegen. Ich habe nichts bezahlt, weil ich \u00fcberhaupt kein Geld hatte. Die Frau, f\u00fcr die ich gearbeitet habe, muss mir die Reise bezahlt haben.<\/p>\n<p>Ich habe gefragt, wohin wir fahren, und sie sagten mir, dass es nach Europa geht. Zu Anfang hatte ich keine Angst, denn ich wusste ja gar nichts \u00fcber die \u00dcberfahrt und ich konnte auch nichts sehen, weil es so dunkel war. Aber als die Sonne aufging hat es mich erschreckt, mitten auf dem Meer zu sein. Die anderen haben sich \u00fcbergeben, geweint, gebetet. Ich habe mich nicht bewegt. Mir war nach Weinen zumute, doch ich hatte zu grosse Angst, ins Wasser zu fallen. Ich war vor Angst wie gel\u00e4hmt!<\/p>\n<p>Jetzt, wo ich gerettet wurde, m\u00f6chte ich studieren, um Menschen im Gef\u00e4ngnis zu helfen. Denn wir haben auch in einem Gef\u00e4ngnis gelebt. Ich habe gesehen, was es bedeutet, so viele Tage ohne Essen und kaum Wasser eingesperrt zu sein. Ich m\u00f6chte den Menschen im Gef\u00e4ngnis zu essen geben.<\/p>\n<p>Wenn ich in Italien ankomme m\u00f6chte ich zu allererst meiner Mutter sagen, dass ich noch lebe. Aber mein Vater soll denken, dass ich tot bin.<\/p>\n<p><strong>Ich bin erst 17 Jahre alt. Ich m\u00f6chte nicht heiraten, ich m\u00f6chte leben, um studieren zu k\u00f6nnen!\u201c<\/strong><\/p>\n<p>* Der Name wurde ge\u00e4ndert, um die Anonymit\u00e4t der Geretteten zu wahren.<\/p>\n<p>Fotocredits: Isabelle Serro<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"share-buttons\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Esther*, gerettet von SOS MEDITERRANEE \u201eIch bin 17 Jahre alt und habe meine Familie in Ghana verlassen, weil in unserer muslimischen Tradition ein M\u00e4dchen den Sohn ihres Onkels v\u00e4terlicherseits heiraten muss. Das wollte ich aber nicht. 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