{"id":32327,"date":"2021-03-20T11:50:51","date_gmt":"2021-03-20T10:50:51","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=32327"},"modified":"2022-03-08T23:35:26","modified_gmt":"2022-03-08T22:35:26","slug":"stimmen-der-geretteten-aya","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/stimmen-der-geretteten-aya\/","title":{"rendered":"\u201eIn Gef\u00e4ngnissen sind Vergewaltigungen an der Tagesordnung.\u201d"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aya* ist 22 Jahre alt und stammt von der Elfenbeink\u00fcste. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter wurde sie am 19. Februar 2020 in internationalen Gew\u00e4ssern vor der K\u00fcste Libyens gerettet.<\/strong><\/p>\n<p><em>Triggerwarnung: Dieser Bericht enth\u00e4lt Beschreibungen physischer und sexualisierter Gewalt<\/em><\/p>\n<p>\u201eIch war die meiste Zeit zwischen vier W\u00e4nden eingesperrt und bin kaum rausgegangen. Ich lebte haupts\u00e4chlich in Zawiyah und Bani Walid. Dort gehen afrikanische Frauen mit dunkler Haut selten nach draussen. Meistens sagen die Leute, wenn man nicht aufpasst, d.h. wenn man hinausgeht, entf\u00fchren sie dich, um dich zu verkaufen, schicken dich hier und da ins Gef\u00e4ngnis und verlangen L\u00f6segeld. Wenn du kein Geld hast, k\u00f6nnen sie dich vergewaltigen. Sie k\u00f6nnen sogar dorthin kommen, wo du wohnst. Sogar M\u00e4nner werden ausgeraubt. Frauen k\u00f6nnen sich nicht verteidigen. Selbst wenn du verheiratet bist, wenn Gott an diesem Tag nicht bei dir ist, werden sie dich ausrauben und dich vergewaltigen. Ich w\u00e4re fast ein Opfer davon geworden, aber Gott hat mich davor bewahrt. Fast w\u00e4re ich vergewaltigt worden.<\/p>\n<p>Es war an einem Donnerstag, wir wollten auf den Markt gehen. Frauen gehen nur montags und donnerstags, an Markttagen, raus. Ich nahm mit zwei Freundinnen ein Taxi. Normalerweise begleiten unsere M\u00e4nner uns, aber an diesem Tag konnten sie nicht mitkommen. Markttage sind die einzigen Tage, an denen sich Frauen ein wenig entspannen k\u00f6nnen. Wir sind mit dem Taxi weggefahren, um in die Stadt zu kommen. Aber der Taxifahrer brachte uns nicht zu dem Markt, dem wir ihm genannt hatten. Ich kannte den Weg nicht. Es war meine Freundin, die sagte: \u201eNein, das ist nicht der richtige Weg. Wo wollen Sie hin? \u201e. Der Fahrer befahl uns still zu sein; er w\u00fcrde uns sonst umbringen. Dann zog er, eine Waffe, eine Pistole, um uns zu erschrecken. Ich glaube, dass er uns eigentlich verkaufen wollte. Aber Gott wollte es nicht; an diesem Tag w\u00fcrde er uns nicht verkaufen. Er forderte Sex mit mir und bedeutete mir auf Englisch: \u201eYou, me fuck you\u201c. Ich entgegnete: \u201eNein, ich bin verheiratet.\u201c Er antwortete, dass ihm das egal sei und er tun k\u00f6nne, was er wolle. Ich widerholte mein Nein. Er sagte, es g\u00e4be keine Diskussion. Wieder sagte ich \u201eNein, ich bin verheiratet, meine Tochter ist bei mir\u201c. Er erwiderte: \u201eSelbst wenn deine Tochter dabei ist, mache ich, was ich will.\u201c Wenn er mit mir Sex haben wolle, w\u00fcrde er ihn auch bekommen. Ich begann zu beten, zu beten, zu beten. Alle G\u00f6tter, die ich kenne, rief ich an diesem Tag an. Ich betete, dass es nicht passieren w\u00fcrde. Es war nicht leicht. Aber eine meiner Freundinnen, die hinter ihm sass, zog ihm den Hals zu, dann griffen sie und ich nach seiner Waffe. Wir richteten seine Pistole auf ihn und sagten ihm, dass wir ihn t\u00f6ten w\u00fcrden, wenn er uns nicht an den richtigen Ort fahren w\u00fcrde. Das war nicht leicht. Er hatte irgendwo ausserhalb geparkt; wir kannten den Ort nicht einmal, aber Gott machte es m\u00f6glich, dass wir ihm drohen konnten und er uns dorthin zur\u00fcckbrachte, wo wir eingestiegen waren.<\/p>\n<p>Selbst wenn man f\u00fcr libysche Familien arbeitet, ist es nicht einfach. Siehst du meine Hand? Sie ist in Libyen verletzt worden, alle meine Finger. Ich habe als Haush\u00e4lterin gearbeitet. Aber wenn einer ihrer S\u00f6hne mit dir schlafen will \u2013 und oft will sogar der Vater mit dir schlafen -, wenn du das nicht akzeptierst, wirst du nicht bezahlt. Dein Geld f\u00fcr einen ganzen Monat steht dann auf dem Spiel. Ich habe bei zwei Familien gearbeitet \u2013 es war jedes Mal die gleiche Situation. Ich habe mich immer geweigert; das ist keine Frage des Geldes! Aber sie machen dir Angst.<\/p>\n<p>Mein Mann hat auf dem Bau gearbeitet. Sein Chef war ein netter Mensch. Er gab ihm eine Karte, die es ihm erm\u00f6glichte, sich frei zu bewegen, zur Arbeit zu gehen und zur\u00fcckzukommen. Wenn die Polizei ihn festnahm, zeigte er seine Karte und die Polizei liess ihn gehen. Trotzdem wurde er mehrmals entf\u00fchrt. Seine Karte sch\u00fctzte ihn vor der Polizei, aber nicht vor irgendwelchen Banditen. Dies ist mein dritter Versuch, \u00fcber das Meer zu fliehen. Die beiden ersten Male wurden wir von den Libyern [Anmerkung der Redaktion: die libysche K\u00fcstenwache] aufgegriffen und in ein Gef\u00e4ngnis gebracht. Meine Tochter war zwei Jahre und ein paar Monate alt.<\/p>\n<p>In Libyen sagt man: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Jeder ist f\u00fcr sich selbst verantwortlich.<\/p>\n<p>Im Gef\u00e4ngnis m\u00fcssen Frauen mehr bezahlen, damit sie rausgehen k\u00f6nnen. Sie wissen, dass die Frauen Angst haben und nicht weglaufen k\u00f6nnen, vor allem wenn sie ein Kind bekommen, w\u00e4hrend M\u00e4nner eher in der Lage sind, zu fliehen.<\/p>\n<p>Selbst das Waschen ist Aufgabe der M\u00e4nner. Sie sagen dir, dass du sich ausziehen sollst, ganz nackt, spritzen mit Wasserschl\u00e4uchen und nennen es waschen. Frauen werden in eine Ecke gebracht, wo sie manchmal sogar von zwei bis drei Personen gleichzeitig vergewaltigt werden. Dann werfen sie sie zur\u00fcck in eine Zelle. Ich habe gesehen, wie Frauen gingen und zur\u00fcckkamen. Stell sie dir vor: Sie wurden zerst\u00f6rt, wollten sich umbringen, hatten ihre W\u00fcrde verloren. Das ist sehr, sehr schwer mit anzusehen. Und es ist sehr be\u00e4ngstigend. In Gef\u00e4ngnissen sind Vergewaltigungen an der Tagesordnung. Und oft wollen sie es mit der gleichen Frau tun\u2026 damit es dasselbe wie gestern ist.<\/p>\n<p>Eines Tages haben sie ein Baby herausgegriffen. Sie schlugen die Mutter. Schlugen sie, schlugen sie, schlugen sie. Angeblich brauchte sie nur ihre Eltern anzurufen, um das geforderte L\u00f6segeld zu \u00fcberweisen. Aber sie hatte keine Eltern, die ihr L\u00f6segeld zahlen konnten, und sie hatte keinen Ehemann. Also nahmen sie ihr Baby, gruben ein Loch, steckten das Kind hinein und begannen, ihm Sand auf den Kopf zu sch\u00fctten. Das Kind schrie, weinte, weinte, weinte, weinte. Nach 10 Minuten holten sie das Kind wieder heraus und brachten es zu seiner Mutter.<\/p>\n<p>Ein anderes Mal begegnete ich mit einer Frau zusammen, deren Gesicht v\u00f6llig verbrannt war, ihre Hand, ihre Arme, alles war verbrannt. Sie hatte auch ein Kind. Aber sie hatten keine Gnade. Wenn du dort kein Geld hast, stirbst du.<\/p>\n<p>Um aus dem Gef\u00e4ngnis zu kommen, riefen mein Mann und ich \u00e4ltere Br\u00fcder in unserem Heimatland an, unsere V\u00e4ter. Der \u00e4ltere Bruder meines Mannes schickte uns Geld, damit das Gef\u00e4ngnis verlassen konnten. Unsere Familien legten alle zusammen, um die L\u00f6segelder bezahlen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gott sei Dank ist es vorbei. Gott sei Dank ist es vorbei! Gott sei Dank ist es vorbei \u2026 Libyen ist ein Alptraum.\u201d<\/p>\n<p>***<br \/>\nInterview: Laurence Bondard, Communication Officer an Bord der Ocean Viking \/\/ Februar 2020<br \/>\nPhoto credits: Anthony Jean \/ SOS MEDITERRANEE<br \/>\n*Der Name wurde ge\u00e4ndert, um die Anonymit\u00e4t der Geretteten zu wahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aya* ist 22 Jahre alt und stammt von der Elfenbeink\u00fcste. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter wurde sie am 19. Februar 2020 in internationalen Gew\u00e4ssern vor der K\u00fcste Libyens gerettet. Triggerwarnung: Dieser Bericht enth\u00e4lt Beschreibungen physischer und sexualisierter Gewalt \u201eIch war die meiste Zeit zwischen vier W\u00e4nden eingesperrt und bin kaum rausgegangen. 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