{"id":32324,"date":"2021-03-26T11:49:12","date_gmt":"2021-03-26T10:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/?post_type=log&#038;p=32324"},"modified":"2022-03-08T23:28:29","modified_gmt":"2022-03-08T22:28:29","slug":"stimmen-der-geretteten-mourad","status":"publish","type":"log","link":"https:\/\/archive.sosmediterranee.ch\/de\/log\/stimmen-der-geretteten-mourad\/","title":{"rendered":"[STIMMEN DER GERETTETEN] \u201eDie Kinder sind jeden Tag mit dem Klang von Sch\u00fcssen aufgewachsen.\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Mourad \u2013 aus Libyen, 48 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder \u2013 wurde zusammen mit seiner Familie am 18. M\u00e4rz 2021 von der Crew der Ocean Viking gerettet.<\/em><\/p>\n<p>\u201eSeit zehn Jahren gibt es in Libyen keine stabile Regierung mehr.<\/p>\n<p>Wir haben immer gehofft, wir haben immer gehofft.\u00a0<strong>Jedes Jahr sagten wir uns, es w\u00fcrde besser werden<\/strong>, aber es gibt keine Sicherheit, und es wird jeden Tag schlimmer. Auch f\u00fcr die Kinder ist das Umfeld nicht gut. F\u00fcr sie gibt es keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft. F\u00fcr sie hat das Leben aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ich komme aus Zuwara. Das ist eine kleine Stadt an der K\u00fcste. Meine Familie geh\u00f6rt zu einer Minderheit der Amazigh. (\u2026) Wir sind eine kleine, isolierte Gemeinschaft. Der gr\u00f6sste Teil der Amazigh-Gemeinschaft lebt im S\u00fcden, in den Bergen. Wir sind misshandelt worden; unser Eigentum wurde gestohlen. Unser Land wurde verbrannt; wir haben nichts mehr.<\/p>\n<p>Wir sind urspr\u00fcnglich aus diesem Land, aber wir werden wie Eindringlinge behandelt oder wie Leute, die gerade erst ins Land gekommen sind.<br \/>\nDas war schon immer so. Aber fr\u00fcher gab es wenigstens eine Regierung, jetzt gibt es keine Regierung, und es ist noch schlimmer geworden. Wir besitzen etwas Land 18 km s\u00fcdlich von Zuwara. Seit zehn Jahren konnten wir nicht mehr dorthin gehen.<\/p>\n<p>Wir haben unsere Kindheit auf diesem Land verbracht und wir w\u00fcrden es zumindest gerne sehen. Aber wir k\u00f6nnen nicht mehr dorthin gehen, weil wir Entf\u00fchrungen, Angriffe, Raub\u00fcberf\u00e4lle und alle Arten von Gewalt riskieren.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberall sind Waffen<\/strong>, weil sie \u00fcberall gekauft und verkauft werden k\u00f6nnen. Jeder hat welche. Sie sind im freien Umlauf. \u00dcberall. Sobald es ein Problem gibt, kommen die Waffen zum Vorschein. Es ist \u00fcberall das Gleiche. Sobald es einen Kampf gibt, kommen die Waffen raus. Wenn man auf die Strasse geht, riskiert man erschossen zu werden. Man f\u00e4hrt mit dem Auto und wird erschossen.\u00a0<strong>Es kann \u00fcberall und jederzeit passieren<\/strong>.<\/p>\n<p>Tote, Verletzte\u2026 sind Alltag. Jeden Tag, jeden Tag, jeden Tag. So ist es jeden Tag, seit zehn Jahren. Es gibt keine Hoffnung auf Stabilit\u00e4t. Ich denke, es wird weitere zehn Jahre dauern, bis ich wieder ein normales Leben f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Meine Kinder sind 13, 10 und 9 Jahre alt. Zwei von ihnen wurden w\u00e4hrend der Revolution geboren. Das \u00e4ltere war damals erst drei Jahre alt. Es kannte auch nur Gewalt.\u00a0<strong>Die Kinder sind jeden Tag mit dem Klang von Sch\u00fcssen aufgewachsen<\/strong>.<\/p>\n<p>Wir haben so hart gearbeitet, um ihnen eine stabile und friedliche Umgebung zu bieten. Wir haben versucht, Bastelarbeiten f\u00fcr sie zu finden, um sie jeden Tag zu besch\u00e4ftigen. Wir haben f\u00fcr Privatschulen bezahlt, damit sie mehr Ruhe haben. Im Sommer fuhren wir mit ihnen an den Strand, damit sie den Alltag und die Gewalt vergessen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich bin Lehrer f\u00fcr Sozialwissenschaften. Nachdem ich entlassen wurde, erhielt ich ein kleines staatliches Gehalt als Beamter. Vor f\u00fcnf Jahren er\u00f6ffnete ich eine kleine Pizzeria in meinem Viertel. Vor einem Jahr bin ich gest\u00fcrzt und habe mich an der Schulter verletzt. Ich lebe von einer staatlichen Rente, die nicht ausreicht, um meine Kinder zu ern\u00e4hren. Wir sind sehr m\u00fcde. Es ist sehr schwierig, seine Kinder unter diesen Bedingungen grosszuziehen.<\/p>\n<p>Wir mussten nach Europa gehen, um eine bessere Zukunft f\u00fcr unsere Kinder zu gew\u00e4hrleisten. Wenn wir in Europa ankommen, dann nur, um zu arbeiten. Nicht, um zu schlafen oder darauf zu warten, dass uns jemand hilft.\u00a0<strong>Es ist, um unseren Kindern eine bessere Zukunft zu erm\u00f6glichen<\/strong>.\u201c<\/p>\n<p>***<br \/>\nText: Interview mit unserem Communication Officer an Bord der Ocean Viking<br \/>\n\u00dcbersetzung durch den Cultural Mediator an Bord der Ocean Viking<br \/>\nFotonachweis: Anthony Jean \/ SOS MEDITERRANEE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mourad \u2013 aus Libyen, 48 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder \u2013 wurde zusammen mit seiner Familie am 18. M\u00e4rz 2021 von der Crew der Ocean Viking gerettet. \u201eSeit zehn Jahren gibt es in Libyen keine stabile Regierung mehr. 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